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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1866-01-01 · 2 (1866) · p. Seite 89

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
4 (1866)
Issue
2 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 89 (sequence 9)
Language
German
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I. Zur gegenwärtigen Lage. 89 stören könnte, als daß man nun neu und um so ernster, weil unbehindert und mit den reicheren Mitteln der gesteigerten Erkenntniß und der freieren Bewegung, an die innere Entwickelung des Juden- Lhums gehen sollte. Man überläßt Dies entweder dem Einflüsse der Zeit, oder man betrachtet überhaupt dieses Bestreben als ein der Beachtung unwerthes, weil es nicht zur Höhe des Zeitbewußtseins hinanrage. Diese letztere Form ist die eigentliche Gestalt, in welcher ganz besonders der jüdische Jndifferentismus zum großen Nachtheile für eine gesunde Entwickelung des Judenthums auf tritt; daß sie sich weit verbreitet hat und immer weiter verbreitet, daran ist Vorzugsweise die Raschheit des Umschwungs schuld. Das Judenthum steht in der Phase, zu der es bis jetzt gelangt ist, ja auch in den treibenden Fragen und den anzustrebenden Gestaltungen, welche es nunmehr in seinem natürlichen Verlaufe beschäftigen, hinter den Aufgaben zurück, welche die gesammte Zeitbewegung stellt. Das kann nicht anders sein. Es war von dem Markte des Gedanken- Verkehrs lange genug gewaltsam abgesperrt, und der geistige Proceß läßt sich nicht mit künstlicher Bruthitze so übermäßig beschleunigen, daß Jahrhunderte in Tagen nachgeholt werden. Der Einzelne kann voll in seine Zeit eintreten; geschichtliche Genossenschäften mit ihren festgewordenen Institutionen müssen dem Gesetze einer stetigen, nicht springenden Entwickelung folgen. Da die Einzelnen nun mit dem Standpunkte und den Interessen der Gesammtheit sich nicht in Uebereinstimmung fühlen, wenden sie sich von ihnen ab, entziehen ihre Kräfte der Anbahnung des allmäligen Fortschritts, weil der plötzliche nicht erreicht werden kann. So entbehren die ernstesten und nothwendigsten Bemühungen, wie sie für Wissenschaft und Leben angestrengt werden, der erwärmenden und ermunternden Theilnahme und ermatten an dem sie umgebenden Kaltsinn. Dieser Jndifferentismus, welcher die edelsten Kräfte verzehrt, die andern entmuthigt, ist eine sehr schwere Krankheit; er, eine Art Altersschwäche, ist gefährlicher als das Fieber des Fanatismus, weil man ihn in seiner schleichenden Form nährt, gewähren läßt, während man diesen mit aller Anstrengung bekämpft. Daher nun ziehen sich auch die muthigeren und lebhafteren Geister von der Arbeit auf diesem Gebiete zurück. Ihr offener, kühner Wahrheitsdrang findet keine Befriedigung, weil sie, voll

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