Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 4 (1866)
- Issue
- 2 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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88 I. Zur gegenwärtigen Lage. gesunden Lebenskräfte; die Kraft stählte sich daran, der Geist vertiefte sich. Jedoch die aus den Emancipationsbestrebungen herrührende Veranlassung des Kampfes ist gleichfalls dahingegangen oder im Abzüge begriffen, und so tritt eine Stille ein, die nicht der Friede ist, sondern die Leblosigkeit. Das Resultat des Kampfes ist die Befriedigung desjenigen Zeitbedürfnisses, aus dem er entstanden ist. Confessionelle Engherzigkeit hindert nicht mehr an der Erlangung der Bildung, beengt nicht mehr die Stellung der Juden im Staate. Sie ist nicht mehr die überwältigende Macht, welche alle Lebensverhältnisse beherrscht und jede andere Anforderung der Erkenntniß und der Gerechtigkeit zu verdrängen vermag;»aber sie hat sich nicht zu religiöser Erkenntniß, zu umfassender Anschauung und Liebe erhoben und erweitert. Sie ist vielmehr nur von dem allgemeinen Markte des Lebens auf ihr eigenes Gebiet zurückgedrängt, ist aber da in ihrer Verhärtung verblieben. Darauf aber blicken Diejenigen, welche die enge Auffassung ihrer Religion nicht Lheilen, ziemlich gleichgültig hin; da sie sich für ihre Person nicht behindert fühlen, erscheint ihnen ein Kampf dagegen als unnöthig. Das zeigt sich in allen Religionen. Die kirchlichen Ausschrei- Lungen kommen wahrlich in unfern Tagen nicht selten vor und werden dennoch kaum besprochen; man setzt ihnen keinen Nachdruck entgegen. Man ist in dem irrigen Glauben, daß sie einflußlos seien und wartet ruhig, bis etwa Metzeleien eintreten, um dann kurz auszuschreien und sich wieder gemächlich niederzulegen. Die Tödtung der unzähligen Geister beachtet man gar nicht; man überläßt Alles der von selbst herankommenden Entwickelung, man ergiebt sich fatalistisch dem geschichtlichen Processe, als wenn nicht die menschliche Thätigkeit dessen bewußter Hauptfactor sein müßte. Unsere Zeit ist im Allgemeinen religiös indifferent geworden, sie hält den religiösen Jrrthum, zu ihrem großen Schaden, nicht einmal mehr der Bekämpfung würdig. Sie glaubt ihn durch Jgnoriren genügend zu strafen, wähnt, er sei nicht vorhanden, wenn sie die Augen vor ihm schließt. Wenn Dies im Allgemeinen der Fall ist, so noch in höherem Maße innerhalb des Judenthums. Der Kampf um hohe Lebensgüter, um Bildung und Freiheit, ist im Wesentlichen beendet; man will sich nun seines Besitzes erfreuen, ruhig genießen. Diese Lust am Ausruhen macht schlaff und man wendet sich daher lieber von allem Dem ab, was in der Behaglichkeit des Genusses