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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1866-01-01 · 2 (1866) · p. Seite 85

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
4 (1866)
Issue
2 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 85 (sequence 5)
Language
German
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I. Zur gegenwärtigen Lage. 85 deren Ausprägung im Leben nach dessen wechselnden Anforderungen erkennen. Schon jetzt sehen wir, daß Fragen, welche ehedem die größte Entzweiung hervorgerufen, in aller Stille nach den Anforderungen der Zeit entschieden werden; die Anzahl der Einzelnen, welche sich vollkommen als im Judenthume stehend empfinden und dennoch mit vielen, wenn auch noch nicht ganz aus dem Leben gewichenen Gebräuchen gänzlich gebrochen haben, nimmt zu, man bezeichnet dieselben geradezu als überlebt, will sie im Gemeindeleben beseitigt wissen. Was jedoch in der praktischen An- Wendung immer noch mit Schwierigkeiten verbunden ist, das wird in der Theorie, in der Literatur ohne Bedenken gestattet. Man spricht schon gegenwärtig mit rücksichtslosem Freimuthe Ansichten aus, die man früher selbst dann wenn ihnen keine praktische Folge gegeben worden, ängstlich verbarg. Die Wissenschaft greift viel tiefer in das Innere hinein, sie stellt höhere Zielpunkte auf, untersucht die Grundlagen. Die Frage z. B., wie Offenbarung und Tradition aufzufassen sei, ist nicht mehr ein ״Wolle mich nicht berühren", das scheu umgangen werden müsse, man kann es im Gegentheile nicht unterlassen, darüber nach Klarheit zu ringen. Dies geschieht nicht blos von den Männern, welche sich in all ihrem Thun von dem Drange nach ungehemmtem Fortschritte leiten lassen, sondern in gleicher Weise von denen, welche die friedliche Vermittelung und Erhaltung als ihre Fahne vor sich hertragen, wenn sie nur nicht ganz mit der Wissenschaft gebrochen haben. Man erinnert sich noch lebhaft, wie peinlich überrascht die Vertreter der Stabilität waren durch den unzweideutigen Ausspruch Frankel's, die Tradition sei nicht eine mündliche, erst spät niedergeschriebene Mittheilung Gottes an Moses auf Sinai, sondern nichts Anderes als alte aus der nothwendigen Entwickelung der Zeitverhältnisse sich ergebende Bestimmungen der Soferim. Nicht minder haben die Eifrer die Entdeckung gemacht und verbreitet, daß nach dem Ruhme des Conservatismus ringende Männer, wie Mannheimer, Hör Witz u. A., und ebenso die derselben Richtung entsprechenden Organe unbedenklich die Behauptung zugeben, die Messiashoffnung schließe nicht die Herankunft einer herrschenden Persönlichkeit ein, sondern sie könne auch blos allgemein die Wiederbelebung Israels bedeuten. — Ebenso ist biblische und thalmudische Kritik bereits tief in die wissenschaftlichen Forschungen eingedrungen, und wiederum beherrscht sie den Jdeenkreis so sehr,

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