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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1866-01-01 · 2 (1866) · p. Seite 84

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
4 (1866)
Issue
2 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 84 (sequence 4)
Language
German
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84 I. Zur gegenwärtigen Lage. Entwickelungsmomente an Macht gewinnen, sich mit größerer Freiheit geltend machen. Schon lange ist die Wissenschaft wie die innerlich religiöse Gesinnung eifrig bestrebt, die starr gewordene Religionsübung in Fluß zu bringen, die herkömmlichen Annahmen nach ihrem geschichtlichen Werden zu prüfen, zu erklären und sie somit in den Gang der geistigen Bewegung wieder einzuführen, den in Aeußerlichkeit vertrockneten Uebungen ihren ideellen Gehalt zurückzugeben, sie mit neuem Lebenssäfte zu durchströmen und sie dadurch gefügiger zu machen. Diese in sich gerechtfertigten Bestrebungen stießen auf harte Bekämpfung und Verdächtigung, solange die entgegenstehende Gesinnung oder vielmehr die absperrende traditionelle Außenfrömmigkeit die Herrschaft hatte. Nur mühsam und vorsichtig konnten die erweckenden geistigen Mächte vorwärts schreiten. Sobald jedoch die Engherzigkeit ihre Gewalt einbüßt, ihre Interessen nicht mehr den Vordergrund einnehmen, vermag die befreiende Wissenschaft wie die lebenspendende Innerlichkeit sich ungehemmt zu entfalten und ihre befreiende Einwirkung in vollem Maße zur Geltung zu bringen. Und wozu sie bereits in sich den genügenden Antrieb haben, dahin werden sie noch entschiedener von den allgemein herrschenden Einflüssen gedrängt. Wollen sie wirklich der geistige Ausdruck der Zeit sein, das Interesse der Zeitgenossen nicht einbüßen, so müssen sie in deren Sprache reden, auf ihre Anschauungen eingehen, zur ganzen Höhe des Zeitbewußtseins sich erheben. Jenen einzelnen untergeordneten Reformen, jenen kleinlichen Fragen, welche eine Zeit lang der öffentlichen Theilnähme sich erfreuten, entschwindet mehr und mehr die Beachtung der Intelligenten; größere Fragen, eingreifende Untersuchungen können allein die Aufmerksamkeit wach erhalten, und die geistigreligiöse Bewegung muß sich nothwendig ihnen zuwenden. So bereitet sich eine völlig neue Zeit im Judenthume vor, die wir unter den Juden schon genügend wahrnehmen. Die religiösen umfassenden Ideen müssen als der tiefere Gehalt betont werden, das gesetzliche praktische Leben zum Theile als Wandelbarer Ausdruck, zum Theile als überlebt gelten. Das Judenthum wird Wesen, Grundlage, erschöpfenden Ausdruck nicht mehr in verbotenen Speisen, Schlachtregeln, strenger Sabbathfeier u. dgl. finden, es wird dieses Alles als geschichtlich geworden, als zeitlichen, nur theilweise noch geltenden Ausfluß ewiger religiöser Ideen betrachten, seine Aufgabe wird es in der Pflege der Ideen und

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