Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 4 (1866)
- Issue
- 2 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Zur gegenwärtigen Lage. 83 dieser Reflex unter dem lösenden und belebenden Einflüsse der Freiheit sich zeigen. Die Juden und das Judenthum entkleiden sich nothwendig, dem ganzen Zeitbewußtsein folgend, des sie abscheidenden Confessionellen; als Träger einer bestimmten Religion müssen sie diese immer mehr zu dem Ausdrucke allgemeiner religiöser Ideen erheben, sie können sie nicht in starrer Abgränzung erhalten. Allein das Judenthum wird seine Umwandlung nicht blos deshalb erfahren, weil es den allgemeinen Charakter der Zeit auch in sich ausprägen muß; es wird dazu noch besonders getrieben durch den Umschwung in seiner Stellung. Wir können hier die Untersuchung, ob das Judenthum seiner ganzen Anlage nach nationale Elemente in sich schließt, bei Seite liegen lassen; jedenfalls war es durch seine Geschichte in Absonderung gerathen. Das ganze Leben war nach bloß einseitiger Rücksichtnahme auf die eignen Genossen bestimmt, die Beziehung zu Andern möglichst ausgeschlossen worden. Das ganze sociale Leben war durch confessionell religiöse Vorschriften beherrscht, es blieb fast kein Raum übrig für andere Interessen, sie mußten als untergeordnete, als gleichgültige erscheinen. Sobald die Juden voll in den Staatsverband eintreten, wird die Schätzung der zu erstrebenden Dinge eine andere, die Beachtung der allgemeinen, der vaterländischen, der umfassenden culturhistorischen Entwickelung und die Betheiligung daran tritt in den Vordergrund, die bisher überwiegenden absperrenden, in den nächsten Kreis der Glaubensgenossen einengenden Anschauungen und Sitten müssen zurücktreten, müssen sich den Alle umschließenden Anforderungen anbequemen, sich nach ihnen umprägen. Die freundliche sociale Berührung mit den Genossen anderer Religionen löst alle Härten, sprengt alle Rinden, die sich so lange nach beiden Seiten hin um die Gemüther gelegt. — Ueberhaupt aber ist eine große Masse jüdisch-religiöser Annahmen und Vorschriften die Wirkung des über die Juden verhängten Druckes gewesen; mit ihm bestehen sie, mit seinem Schwinden werden sie wurzellos und sinken dahin, der Anhauch der Freiheit, der noch dazu wie ein Sturm über sie hereinbricht, stürzt die verholzten Stämme nieder. So tritt an das Judenthum wieder eine neue Nöthigung rascher tief eingreifender Umgestaltung heran. Bei so gewaltig treibenden äußern Einflüssen müssen die innern 6*