Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 4 (1866)
- Issue
- 2 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2420973-2420983-2420985--1044-2422067- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
82 I. Zur gegenwärtigen Lage. ThaLsache, in Rußland und Polen, in Schweden sowie in andern deutschen Staaten ist die Lage bedeutend verbessert und die weitern Schritte folgen unvermeidlich in naher Zeit. Der Uebergang aus einem Zustande auch der mildesten Duldung in den der anerkannten Ebenbürtigkeit und Gleichberechtigung, aus dem des außerhalb stehenden Fremden in den des mitbeteiligten Einheimischen ist selbst da wo die Verhältnisse schon früher einen empfindlichen Druck nicht fühlen ließen, ein mächtiger, der den ganzen inneren Menschen umwandelt. Aber in den meisten Ländern, welche in neuerer Zeit diese Umwandlung hervortreten ließen, ist sie mehr oder weniger plötzlich vor sich gegangen, so daß die Juden aus tiefer Erniedrigung zur Gleich- oder doch bedeutenden Besserstellung gelangten. Auch diese Umwandlung, so freudig wir sie begrüßen, ist denmach gleichfalls eine stoßartige. Ihre wohlthätigen Folgen können nicht ausbleiben; aber die Raschheit der Bewegung wird auch nothwendig eine Zeit lang Mißstände zur Folge haben. Diese finden nur dann eine gerechte Beurtheilung, als vorübergehende Krisen, wenn sie in ihren Ursachen erkannt werden. Die vollzogene Umwandlung in der Stellung der Juden ist die endlich gereifte Frucht einer lange in den Gemüthern der gebildeten Völker vorbereiteten Gesinnung. Die Religion tritt aus der eonfessionellen Beengung heraus, diescharf ausgeprägte Form des Bekenntnisses hat aufgehört, die für alle Verhältnisse bestimmende Lebensmacht zu sein. Solange sie es war, war milde Duldung, geschweige volle bürgerliche Anerkennung der Bekenner eines andern Glaubens gänzlich unmöglich; wenn diese eintritt, dann mag die Religion in einer bestimmten ausgeprägten Form dem Volke noch so lieb und Werth sein, als die ausschließliche geistige Macht gilt sie nicht mehr. An diesem Standpunkte ist die gebildete Welt angelangt; die Gleichstellung der Juden, selbst die rasche Umgestaltung in ihren Verhältnissen, wenn sie auch noch nicht ans Ende gelangt ist, ist das sprechendste Zeugniß dafür. In dieser Ursache selbst liegt nun schon eine mächtige Wirkung aus die ganze innere Ent- Wickelung des Judenthums. Die Juden haben selbst unter den härtesten ausschließenden Gesetzen sich dem allgemeinen Einflüsse der Zeitideen nicht entzogen, es spiegelt sich in ihrer Entwickelung immer die herrschende allgemeine Richtung ab; umsomehr muß