Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 4 (1866)
- Issue
- 1 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 79)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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78 Recensionen. neuesten Heft hat er manches Treffliche zur Charakteristik einzelner Lehrer, Schammai's, Elieser's ben Hyrkan u. A. beigetragen, trübt sich aber, meiner Ueberzeugung nach, den Gesichtspunkt, indem er nicht entschieden genug den abweichenden Ausgangspunkt der älteren und jüngeren Halachah aus einander hält, während er dennoch im Allgemeinen sich immer mehr von der gewonnenen richtigen Erkenntniß durchdringen läßt und sie auch gegen den sich der Aequilibristen-Künste befleißigenden Pinneles kräftig in Schutz nimmt (vgl. besonders S. 157. Anm.) Während Schorr so das Feld der biblischen und thalmudischen Kritik mit tiefem Verständnisse anbaut, versäumt er auch nicht das Gebiet der mittelalterlichen Literatur zu Pflegen, freilich immer mit dem Blicke aus den großen Culturgang, der sich in diesen Arbeiten offenbart. Er liebt die hervorragenden, von wahrem Kunstsinn erfüllten Dichter dieser Periode, und die vorliegenden Hefte liefern schöne bisher ganz unbekannte Beiträge; mehr aber liebt er die freisinnigen Philosophen und philosophischen Schrifterklärer. Dem ganzen Mittelalter fehlt es freilich an gesunder Kritik; es hat keine Ahnung von dem geschichtlichen Gange in der menschheitlichen Geistesentwickelung. Daher sind den freisinnigsten Bibelerklärern, den feinsten philosophischen Köpfen Bibel und Thalmud in ihrer Ganzheit unantastbar; sie bringen es nur Zu Symbolisirungen, mit denen die Thatsachen und Vorschriften immer noch in ihrer Härte bleiben. Aber selbst in den nachmaimonidischen Zeiten, in welchen durch die drückendstenUmstände der aufstrebende Geist merklich ermattet, die frische schöpferische Kraft sinkt, — selbst da überrascht bei vielen ausgezeichneten Geistern der die Schranken durchbrechende Freimuth, die Versuche der Vernunft, die Härte der an sie gestellten Zumuthungen, wenn sie sie auch nicht zu brechen Wagt, dennoch geschmeidiger zu machen. Ich glaube kaum, daß in dem ganzen Zeitabschnitte ähnliche Erscheinungen im Christenthume auftreten. Wir können freilich heutigen Tages von diesen Männern nichts mehr lernen; wie ihre Philosophie überholt ist, so ist ihr Verfahren, sich mit den Ueberlieferungen der Vergangenheit auseinanderzusetzen veraltet, es will sie künstlich abschwächen, zu sich herüberziehen, während wir sie in ihrer ursprünglichen Gestalt belassen und erkennen, aber sie im geschichtlichen Zusammenhänge mit ihrer Zeit, als Producte einer uns vorbereitenden, aber auch deßhalb von uns überschrittenen Anschauung zu begreifen suchen. Allein zur geschichtlichen Würdigung des ungebrochenen, immer frisch mit