Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 3 (1864-1865)
- Issue
- 3
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 198 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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198 vi. Einige Worte über der geistigen Physiognomie der Zeit deutlicher ausprägen, daß sie auf die Entwickelung des Judenthmncs — mit Ausnahme eben des Buches Daniel — ganz einflußlos geblieben. Dem christlichen Forscher mag es obliegen, die ״Offenbarung Johannis" als sein kanonisches Buch gründlich zu deuten; ebenso muß ihm das Buch Henoch, das, in seinen kanonischen Büchern bald ausdrücklich als Quelle angeführt, bald stillschweigend zu Grunde gelegt, in der Kirche eine Zeit lang in hohen Ehren gehalten wurde, einer sorgsamen Bcschäftigung werth sein. Uns kann daran weniger liegen. Andere Apokalypsen gar — von denen man in unserer Zeit gar wunderliche Entdeckungen machen möchte, so daß man sogar von einer ״mongolischen" spricht —, die aber ganz unbeachtet geblieben, können den Männern überlassen bleiben, die an solchem Helldunkel besonderes Be- Hagen haben. Eine gewisse Bedeutung könnte allenfalls das Buch Henoch ansprechen. Der Mann, in dessen Namen es geschrieben ist, ist bereits am Anfänge der Genesis mit einem mystischen Dunkel umhüllt; schon frühzeitig hat man, veranlaßt durch diese Stelle, ihn in eine höhere Sphäre entrückt, und dunkle Aenßernngcn wurden zu allen Zeiten von ihm umhergetragen. Das Buch, welches nun ihm beigclegt wird und uns äthiopisch erhalten ist, stammt offenbar aus der Zeit des zweiten Tempels, und da uns aus dieser Zeit außer andern apokryphcn Schriften Nichts übrig geblieben, so dürfte es als einer der wenigen Reste aus ihr wohl unsere Aufmerksamkeit fesseln. Allein andererseits mag sich nicht leicht ein ähnliches Buch finden, das bei einem Umfange von 81 Seiten so inhaltsleer ist, sich in solchen platten Allgemeinheiten bewegt, dessen Bilderreden so dürr sind, das geschichtlich Erkennbare so unkünstlerisch einkleiden, dessen Ahnungen Ln die Zukunft, ohne alle dichterische Erhebung, mit dürftigen, mühsam herbeigeholten Gleichnissen ausgestattet, dessen Lehren Ln Beziehung auf Glauben und Sittlichkeit, selbst nationale Frömmigkeit so schwebend, ohne allen greifbaren Kern, ohne allen gesunden Ernst sind bei dem hochgetricbcnen Eifer, bei allem Strohfeuer der Weherufe und der Seligpreisungen. Man ist bei dem Durchlesen dieses Buches wahrhaft überrascht von dem gewissenhaften Ernst, mit dem tüchtige Gelehrte dasselbe bearbeitet haben?) *) Das Buch ist in neuerer Zeit von Dill mann zuerst äthiopisch, dann deutsch herausgegeben worden (Leipzig 1853), enthält in seiner Ueber-