Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 3 (1864-1865)
- Issue
- 3
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 197 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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das Buch Henöch. 197 len sie uns unwillkürlich Bestrebungen und Hoffnungen ihrer Zeit dar, enthüllen sie uns, auf welche Gedanken diese entschiedenen Nachdruck legte. Sie sind aber auch zweitens ein einflußreiches geschichtliches Moment geworden; die von ihnen geweckten Hoffnungen wnrden in den späteren Geschlechtern zu Glaubensübcrzeugungcn, und sie haben insofern auf die Cultnrentwicklung ganzer Völker, auf die Ausbildung der religiösen Anschauungen einen mächtigen, freilich nicht heilsamen Einfluß geübt. Der Werth dieser Bücher ist demnach abhängig von der Klarheit, mit der sie den Standpunkt ihrer Zeit durchblickcn lassen, und je entlegener und sonst innerlich uns weniger zugänglich dieselbe ist, um so wichtiger sind dann diese indirecten Belehrungen, und dann von der Bedeutung, die sie in der Nachwelt erlangt haben. In beiden Beziehungen nimmt das älteste apokalyptische Buch, das Buch Daniel, die erste Stelle ein. Wenn es auch alle Mängel dieses Literatnrkreiseö an sich trägt und die fruchtbare Wurzel ist der zahlreichen, meistens ihm sich anlehnenden Nachahmungen, so hat es schon durch die ihm allein zukommende Originalität und als Prototyp der ganzen Gattung einen Anspruch ans besondere Beachtung. Es ist aber auch fast der einzige redende Zeuge aus jener so wenig urkundlich uns entgegentreteuden Zeit und giebt uns über sie schätzbare Belehrungen. Wir erfahren aus ihm mit Zweifellosester Bestimmtheit, daß der Glaube an die leibliche Auferstehung in der Zeit des Kampfes gegen die Syrer entschieden in den Vordergrund trat, mit ihm sich der Glaube an wunderbare Errettung des Volkes durch einen Menschcnsohn, der mit den Wolken des Himmels kommt, innig verschmolz. An dieses Buch .knüpften sich denn alle messianischen Erwartungen. Es ist die Quelle des Trostes gewesen für Jahrtausende des Druckes, aus ihm stiegen unzählige Tauschungen auf, die dann schmerzlich als solche sich erwiesen, mn wieder neue zu gebären. Dennoch hat das Judenthum einen sehr nüchlernen Sinn bewiesen, indem es das Buch nicht in die Reihe der Prophetenbücher aufnahm, ihm vielmehr eine untergeordnete Stellung anwies; das griechische Judenthum und nach ihm das Christenthum haben ihm eine höchst bevorzugte Stelle eingeräumt, haben es an die drei großen Propheten angeschloffen. Bei diesem allgemeinen Urtheile über die genannte ganze Literaturgattung überlasse ich gern alle scharfsinnigen Hypothesen über Zeit der Abfassung und geschichtliche Beziehungen Andern, in dem festen Glauben, daß spätere Apokalypsen kaum einen kleinen Zug in 14*