Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 3 (1864-1865)
- Issue
- 3
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 195 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Gutachten. 195 der« als Merkwürdigkeit erzählt, daß es einst eine Zeit gegeben, in welcher die Juden geglaubt haben, Gott nur mit bedecktem Haupte verehren zu dürfen; aber sie wird um so eher'kommen, in dem Maße, als wir sie anbahnen, aber nicht erstürmen wollen. Meine Ansicht geht daher dahin, daß wir für jetzt bezüglich der Kopfbedeckung eine Linie ziehen zwischen dem belehrenden und dem liturgischen Theil des Kultus. Der liturgische Th eil, das Gebet einschließlich der Torahvorlesung, mag nach wie vor bedeckten Hauptes vollzogen werden. Hingegen dürfen wir wohl sä'mmtlichen Mitgliedern unserer Gemeinde den Grad von Einsicht zutrauen, daß Niemand in seinem Gewissen sich beengt fühlt, wenn er eine Predigt oder eine Schrifterklärung, wo nicht die Andacht an Gott sich wendet, sondern ein Mensch zu Menschen redet, mit entblößtem Haupte anhört. Ich empfehle daher der Gemeinde zu beschließen, daß, sobald der Redner sich zu reden an schickt, mag die Rede deutsch oder englisch sein, mag sie mitten oder am Schlüsse des Gottesdienstes stattfinden, alle Männer der Gemeinde das Haupt entblößen und bis z u m Schlüsse der Rede so v erw eil e n. Allerdings entspricht es weder der Aesthetik, noch der vollen logischen Konsequenz, wenn in dieser Welse die Haltung der Theilnehmer während des Gottesdienstes wechselt; der Erleuchtete und wahrhaft Gebildete fühlt sich durch diese Zwitterhastigkeit sehr unangenehm berührt. Aber Uebergänge in der Geschichte wie in der Natur haben dieses eigen — sie kennen keine Logik; ihre Ausgabe ist es, das Vergangene und das Zukünftige zu mischen, um der Vergangenheit zum Vergehen und dem Werdenden zum Sein zu verhelfen. Besser daher, wir sind inconsequent, um dadurch der vollen Consequenz die Bahn zu brechen, als daß wir durch starre Logik die Bahn verrammeln. Lasset uns das Helldunkel des Morgenrothes nicht scheuen; es verkündet den vollen, lichten Tag! — New-Uork, den 16. Mai 1859. Damals nun beschloß die Gemeinde auf Grund dieses Gutachtens, daß es jedem Besucher des Tempels freistehen solle, während des ganzen oder eines Theiles des Gottesdienstes unbedeckten Hauptes zu sein. Ein großer Theil der Tempelbesucher hat denn auch seit jener Zeit Gebrauch von dieser Erlaubniß gemacht. Erst im Mai des vergangenen Jahres hat die Gemeinde in einer Generalversamm- Vierteljahresschrift III. 3. 14