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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1864-01-01 · 3 · p. Seite 194

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
3 (1864-1865)
Issue
3
Date
1864-01-01
Page
Seite 194 (sequence 32)
Language
German
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194 v. Das entblößte Haupt. lite, der in seinem Wohnhause, in seinem Geschäftslokale oder gar bei Tische entblößten Hauptes betroffen ward, als ein Abtrünniger gegolten hat. Das Leben hat auch diesen Wahn verscheucht. Nun steht die Kopfbedeckung beim Gebete noch, als das letzte Palladium dieses talmudischcn Jsolirungssystems, da, und darum — der heiße Kampf. Die talmudische Orthodoxie sagt: sie muß beibchalten werden, nicht weil in ihr ein jüdisch-religiöser Gedanke ausgedrückt wäre, sondern weil die Hauptentblößung eine nichtisraelitische Sitte ist. Und die Reform sagt: die Hauptbedeckung muß fallen, eben deshalb, weil sie keinen jüdisch-religiösen und überhaupt keinen religiösen Gedanken repräsentirt, weil sie der Ueberrcst einer nationalen Scheidewand ist, welche der Bestimmung des Judenthums, seine Kreise zu erweitern und sich Bahn nach Außen zu brechen, hindernd im Wege steht. So die Theorie. — Nun aber reiht sich sofort die praktische Seite der Frage daran. Ob Etwas geschehen dürfe oder solle, darüber hat die Theorie zu entscheiden; wie es am sichersten in's Leben einzuführen sei, das hängt nicht von der Güte der Sache allein ab, sondern muß nach der Beschaffenheit der äußern Zustände bemessen werden, darüber steht der Erfahrung und dem praktischen Blicke das entscheidende Wort zu. Praxis und Erfahrung aber lehren, daß, wo ein Vorurtheil einen breiten und tiefen Raum in den Herzen der Masse einnimmt, dasselbe niemals mit einem Angriff oder gar durch Machtgebote bcscitigt werden kann, sondern nur allmälig durch oft wiederholte Belehrung und mehr noch durch stufenweise Gewöhnung der bessern Einsicht weicht. Wir brauchen, um Beispiele anzuführen, nicht auf Polen zu verweisen, wo ein kaiserlicher Befehl gegen die jüdische Kleidcrtracht einen Fanatismus für dieselbe hervorgerufen und das Ucbel ärger gemacht hat, sondern wir können an die spezielle Ersahrung gerade bezüglich des fraglichen Punktes Ln einer der Lntelligcntesten deutschen Gemeinden erinnern, wo die kühnsten Cultusreformen keinen solchen Grad von Widerspruch und Anfeindung erzeugt haben, als die eingeführte Norm, das Gebet unbedeckten Hauptes zu vcrrichten. Und es heißt hoffentlich nicht zu weit gegangen, wenn wir behaupten, daß New-Uork Berlin an Bildung nicht überragt. Wollen wir der Wahrheit einen Dienst leistell und der Läuterung der Ansichten und der Veredlung der Cultussitte unter uns dauernden Sieg verschaffen, so muß Erziehung, allmälige Gewöhnung unsere Loosung sein. Die Zeit wird kommen, muß kommen, wo man den Kin-

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