Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 3 (1864-1865)
- Issue
- 3
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 192 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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192 v. Das entblößte Haupt. einen Lebensnerv des orthodoxen Judenthums betrachten; es wäre unbegreiflich, wenn nicht ein Kommentator des Schul. Ar. (Magen David zu Or. Chajim Cap. 8, 3) uns das Räthsel gelöst hätte. Er hat einen großen Fund gcthan, indem er sagt: ״Mir scheint, daß Hauptentblößen überhaupt ein großes Vergehen sei, weil es Chukas Hagojim, Sitte der Nichtjuden ist." In der That Hai der Talmud es für ein sehr großes Verdienst erklärt, wenn Israel auch äußerlich sich abzeichne von den Völkern; viele Lalmudische Gesetze haben in diesem Jsolirungsbestrcbcn ihren Grund, und cs wird geradezu für eine theilwcise Bedingung der Lebcnsexistenz Israels erklärt, daß man in Personennamen, in der Umgangssprache (Midrash Hab bah 3. B. M. Cap. 32 und 4. B. M. Cap. 20) und der Kleidertracht (Gemara 80iah 49b. und sonst; Mann. M. Torah Abschn. Accum, Cap. 11, und Sch. Ar. I. D. Cap. 178) von der väterlichen Sitte nicht weiche. Joseph Kolon (Gutachten Nr. 88) sucht die Sache erleichternd zu deuten und zu entscheiden, offenbar aber gegen den Geist der talmudischen Lehre und den Sinn der Worte des Maim. — Merkwürdig ist, daß keiner der Gegner auf Zcph. 1, 8 hingewicsen hat. Der Talmud hat hiermit eine psychologisch tief begründete Wahrheit ausgesprochen und damit nur die Conscqueuz seiner Grundanschauung niedergelegt, wonach die israelitische Religion für immer an die israelitische Nationalität gebunden ist, da zur Erhaltung der Nationalität diese äußerlichen Abzeichen allerdings wesentliche Hebel sind. Wie unbedeutend diese äußerlichen Dinge dem oberflächlichen Auge auch zu sein scheinen, dem tiefer Blickenden sind sie es nicht. Die großen Denker haben daher von jeher auch in ihnen einen wichtigen Wendepunkt für die Sache der wahren religiösen Reform erkannt, deren Grundgedanke dem talmudischen diametral entgegengesetzt ist und dahin lautet: die jüdische Religion war nur zeitweise in das Gewand der jüdischen Nationalität gehüllt, ist in Wahrheit aber dazu bestimmt, aus dieser b e e n g e n d e n S ch r a n k e h e r a u s z u t r e t e n u n d n a ch und nach Weltreligion zu werden. War daher dem Talmud von seinem Standpunkte aus die Aufrichtung von Scheidemauern zwischen Israel und den Nationen eine Hauptaufgabe, so ist der Reform von ihrem Standpunkte aus die Niederreißnng dieser Scheidemauern eine hochwichtige Lebensaufgabe. Dieser Proceß ist das Werk der jüngstvergangenen und unserer gegenwärtigen Zeit, und seine hohe Bedeutung lebte und lebt im Gefühle der Masse, wenn auch Wem-