Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 3 (1864-1865)
- Issue
- 3
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 170 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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170 1. Die Reihen lichten sich. war ihr mehr als das, ich war ihr Vater, Freund und Bruder. Sie war das Kind meines Herzens, sie war meine Sorge bei Tag und Nacht. Ich war jung und bin alt geworden und habe es nicht vcrlernen können, in Allem, was die Gemeinde Gottes betroffen, in ihrer Gesammtheit, wie in ihren Einzelnen, Antheil zu nehmen in Leid und Freud, als hätte es mich betroffen. Ich habe das Glück und den Frieden meines Hauses nie obenan gestellt. Das Haus Gottes war mein Haus, wie seine Ehre mir am Herzeu lag. Das Haus Israel — mein Haus, meine Familie, deren Wohl und Wehe mich tief bewegt und keine Stunde meines Lebens mich frei ließ/"*) Die Predigt und eine solche Anordnung des Gottesdienstes, die dem Inhalte wie der Form nach den Ansprüchen der Gegenwart eine befriedigende Nahrung gebe, war schon vor nahe an fünfzig Jahren der Mittelpunkt seines Strcbens, und daran hielt er während seiner ganzen Wirksamkeit fest, darüber hinaus ging er auch nicht. Aber hier verfuhr er eben mit dem liebevollen Sinne, der die Gesammtheit der Glaubensgenoffenschaft umfaßte, mit dem praktischen Takte, der das Mögliche und Heilsame für die ganze Gegenwart glücklich zu ergreifen wußte. Wenn auch aus dem refermatorischen Drange des Hamburger Tempels hervorgegangen, legte er dennoch nicht wie dieser den Nachdruck auf die Umgestaltung des Gottesdienstes nach den Anforderungen blos heutiger deutscher Bildung; das deutsche Element fand in seiner Liturgie nur sehr spärliche Vertretung, voll in herkömmlichcr Weise blieb nicht blos der Inhalt, auch das Gewand des Gottesdienstes, nur ward er gereinigt und durch die Form veredelt. Nicht deutsches Lied und deutsches Gebet, nicht der gedehnte kirchliche Gemeindegesang und die Orgelbegleitung waren die neuen Momente, sondern das alte hebräische Gebet blieb, aber verkürzt, namentlich mit Abweichung der tuxurircnden Festgebete, der Piutim, und so ward Raum für einen veredelten Synagogen - Gesang, für dessen Herstellung der in seinem Fache geniale Sulzer so glücklich ihm zur Seite stand. Der Zweck wurde, namentlich für die damalige Zeit, erreicht. Die alten religiösen Gefühle, die sich an den herkömmlichen Gottesdienst knüpften, wurden nicht verletzt, und die neue, anmuthende Form gab eine bis dahin ungckannte Befriedigung, ästhetischen Schwung. Freilich blieb damit Sprache und Inhalt doch nach den Seiten hin un- *) Vergl. Isaak Noa Mannheimer, Prediger. Eine biographische Skizze re. Von G. Wolfs (Wien 1863), S. 52.