Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 3 (1864-1865)
- Issue
- 1-2
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 145 (sequence 148)
- Language
- German
- Belongs to
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Kräfte zu entwickeln. Was es von den Schätzen anderer ihm vorausgeeilter Völker für sich gebrauchen kann, das holt es sich und schafft es um im Einklänge mit seinem eigensten Genius. So lange dieser Drang nicht im innersten Volksleben vorhanden ist, vermag keine Anstrengung von Menschenfreunden, die außerhalb dieses Volkes stehn, die nicht mit ihm vollkommen sympathisch empfinden, aus dem geistigen Schlummer zu erwecken. Selbst der Eroberung durch ein Cnlturvolk gelingt es erst nach zahlreichen Einwanderungen aus dem gebildeten Mutterlande und nach vielen Geschlechtern die geistige Umgestaltung vorzubereiten, die dennoch eine schwächliche bleibt, wenn nicht auf dem eigenen Boden selbstständig eine eigenthümliche Richtung sich hervorarbeitet. — Hat diese allgemeine Regel ihre psychologische wie geschichtliche Bewährung bei ganzen Völkern, so gilt sie um so mehr von einzelnen Volkstheilen, mögen dieselben auch durch andere als Volksbande mit Theilen anderer Völker eng verknüpft sein. Nächst dem geschlossenen Volksleben ist die Religion das mächtigste Band, welches die Bekenner der entlegensten Gegenden mit einander verknüpft, die Gemeinschaft der tiefsten geistigen Interessen in ihnen unterhält. Und dennoch vermochte sie zu keiner Zeit irgend eine civilisatorische Aussaat von dem höhergebildeten Volke gleichen Bekenntnisses zu dem tieferstehenden Volke hinzntragen, wenn nicht Eroberungen sich zu ihr gesellten. Wo sind denn etwa die Einwirklingen von den großen gebildeten dem Christenthume huldigenden Staaten auf die christlichen Volkstheile fremder und in der Cultur zurückgebliebener Staaten? Was vermochten die europäischen Cultur- Völker für die Christen des Orients zu leisten? Haben sie sie auf die Höhe der Zeit emporgehoben? Haben sie sie nur aus ihrer Versumpfung ein wenig zu erheben vermocht? Die Anstrengungen der verschiedensten Art gehn seit Jahrhunderten mit den ausgedehntesten Macht- und Geldmitteln dahin; wo sind die Resultate? Sie können nicht vorhanden sein, so lange Ln dem herrschenden Volke selbst eine eigenthümliche Cultur nicht erstanden ist; denn auch diejenigen religiösen Genossenschaften, welche nicht dem herrschenden Glauben angehören, bilden dennoch einen Bestandtheil des Volkes, auf dessen Boden sie feststehn, so daß sie auch geistig mit ihm auf's Engste zusammenhangen. Alle hinzugeführten Bildungselemente sind daher blos oben aufgelegt, können sich nicht organisch mit ihnen assimiliren. So geht es nothwendig auch den dortigen Juden. Dürfen wir von Schulen, ״europäischen", ״französischen", selbst wenn noch so liebe- Vierteljahresschrift. M. I. 2. 10