Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 3 (1864-1865)
- Issue
- 1-2
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 106)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2420973-2420988-2420989--0754-2421832- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
II. Zur Geschichte der Maßorah. 10S dennoch die Freiheit bewahrten, unter gewissen Umständen auch das Verfahren Ben-Nafthali's zu adoptiren. Genug, unser gegenwärtiger Text ist bestimmt durch die Ansichten dieser beiden Schulhäupter, eine richtige Würdigung derselben ist daher eine wichtige Aufgabe der Textgeschichte, an die man bis jetzt noch kaum gedacht hat. Mit welchem Ernste die späteren Schulen das Werk ihrer Vorgänger fort-, gesetzt, zeigt sich eben in der Sorgfalt, mit der sie selbstständig die Entscheidung über die ihnen vorliegenden Differenzen getroffen. Die maßorethischen Sammlungen nahmen dadurch an Umfang immer zu, und wir dürfen voraussetzen, daß dieselben in zwei Gestalten immer weiter angelegt und ergänzt wurden, nämlich sowohl in der zwiefachen Form als kürzere Randbemerkungen an der Seite und als längere über und unter dem Texte, als auch durch Zusammenfassung in größere Listen. Sind uns ja eben die Differenzen der beiden besprochenen Schulhäupter in einer solchen Liste aufbewahrt, ist ja von Ben-Ascher überliefert, daß er eine Tabelle von sechzig Wörtern zusammengestcttt, welche zwei Male, aber in je verschiedener Bedeutung vorkomnrcn, und sind uns ja von Ben-Ascher ferner namentlich über Accenre mehrfache, nach Regeln zusammengcstettte, Vorschriften als besondere Abhandlungen aufbewahrt. So verfolgten die Maßorethenschulen ihren Weg, und ihr Werk wurde eigentlich niemals abgeschlossen. Sie traten auch darin bei ihren Erweiterungen in die Fußtapfen ihrer Vorgänger, daß sie sich nicht mit der nackten Angabe der von ihnen gemachten Bemerkungen begnügten, sondern daß sie dieselben auch, dem Geschmacks der Zeit huldigend, mit aggadischen Deutungen verbrämten. Ein höchst instructives Specimen solcher maßorethischen Aggadah — in der freilich blos die Fragen hingestellt werden und zur Errathung der Dentung aufgefordert wird — bietet uns das von Pinsker in Lickute S. 29—31 (Text) mitgetheilte Fragment. Die späteren Wissenschaftlichen Grammatiker, namentlich Abulwalid und Aben-Esra, verwerfen mit Recht diese aggadischen Spielereien, welche sich an die Maßorah anschließen, ohne jedoch den Werth von deren thatsächlichen Bemerkungen zu verkennen. Mit der neuen unter arabischem Einflüsse erlangten Blüthe der grammatischen Studien, mit dem Streben nach Erkenntniß der sprachlichen Gesetze verlor zwar die Hingebung für die Fortführung des äußerlichen, auf Schultraditionen sich stützenden Verfahrens an Ansehen, dennoch blieben die überlieferten Bemerkungen maßgebend, Handhabe für die Sprachregeln, die Abschreiber von Pro-