Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 3 (1864-1865)
- Issue
- 1-2
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 79)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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76 . 1. 12. In der Zerstreuung. Beispiel in der Christenheit, den Grundsatz der Glaubensfreiheit, wenn auch nicht vollkommen, so doch im Wesentlichen auszusprechen, und Holland erblühte in seiner äußeren Wohlfahrt und geistigen Obmacht eine Zeit lang, in ihm auch die jüdischen Bewohner. Dort erstand ein körperlich schwacher Mann jüdischer Geburt, der Anfänger einer neuen geistigen Aera, der, wenn auch nicht unmittelbar, so doch bald und bis zur Gegenwart gefeiert wurde und wird. Baruch Spinoza erblickte das Licht der Welt in Amsterdam, er war der Anfänger einer neuen Gedankenreihe, welche von da an in die denkende Welt cintrat und Vieles umgestaltete. Er blieb nicht ein inniger Anhänger der jüdischen Lehre, wenn er auch niemals sie verließ, aber er war herangereist an seinen alten jüdischen Lehrern, er hatte seinen Aben Esra und Maimonides eifrig studirt, er rankte sich empor an Juda Alfakar und Chisdai Kreskas. Er bekämpfte wohl die jüdischen Aristoteliker, und hatte dennoch in ihnen seine Lehrer gefunden, war von ihnen in die philosophische Zucht genommen. Er befehdete gleichfalls die Kabbala, und ist dennoch auch durch sie vielfach angeregt worden, ihre Emanationslehre ward bei ihm zur Lehre der Immanenz. Baruch Spinoza hat die Grundlage gelegt zu einer neuen Philosophie, die die Mutter ward einer großen Anzahl moderner Philosophien. Ein granitncr Charakter und ebenso der Bau seines Systems ein granitncr. Sie haben Steinchen von ihm abgehauen und eingcfügt in anderes Gerolle und dadurch neue Systeme ״ geschaffen; aus seinem Bau sind sie aber entstanden. Ob er die Wahrheit gefunden? Ich glaube es kaum, aber daß er ein Lehrer der Menschheit geworden, daß er sie befreit hat von vielem Wahn und Vorurtheil, die Geister mächtig aufgerüttelt, der Vater eines neuen geistigen Lebens und der Schöpfer einer freien biblischen Kritik war, das ist eine unbestreitbare Thatsache. Der arme jüdische Glasschleifer in Amsterdam ist nicht unfruchtbar durch die Welt gegangen. Gehen wir nicht weiter in die spätere Zeit ein, unterdrücken wir die Nennung manches jüngeren strahlenden Namens; die neuere Zeit liegt uns noch zu nahe, als daß ihre Betrachtung nicht als rühmredige Selbstbespiegelung erschiene. Und nun will eine neue Zeit sich gestalten. Wir sind aus bcnt Mittelalter noch nicht vollständig heraus, aber seine Stützen sind vielfach gebrochen, was ihm ein Stab gewesen, erweist sich heute als Splitter. Noch will aber kein neuer Gedanke befruchtend in die Welt einziehcn, noch weht kein neuer geistiger Hauch durch die welken