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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1864-01-01 · 1-2 · p. Seite 72

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
3 (1864-1865)
Issue
1-2
Date
1864-01-01
Page
Seite 72 (sequence 75)
Language
German
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72 [. 12. In der Zerstreuung. schwere Kunst des Lesens und des Schreibens ihnen ganz fremd blieb, so war in diesem Ueberreste der zersprengten Juden immer ein Streben nach geistiger Entwickelung, oft ejn einseitiges, das nicht immer mit dem fortschreitenden Leben im Einklänge stand, aber doch eine geistige Regsamkeit, die sie stets frisch erhielt. Heiligsprechung der Unwissenheit beherrschte nimmermehr Israel; die Wissenschaft war zuweilen schief, der Scharfsinn irregeleitet, der Geist schmückte sich manchmal vielleicht hie und da mit werthloser Schaumünze, aber er war immer thätig. Da stehen Riesenwerke vor uns aus trüben und helleren Zeiten, Erzeugnisse des Denkens und tiefer geistiger Thätigkeit, und sie erwecken unsere Ehrfurcht. Ich schwöre nicht auf jedes Wort des Thalmud, nicht auf Alles, was die mittelalterlichen Lehrer gedacht haben, aber keines von ihnen möchte ich vermissen; es ist eine Schärfe, eine Gedankenkraft darin, die uns Achtung einflößt vor dem Geiste, der in unseren Ahnen lebendig war, eine Fülle gesunden Verstandes, heilsame Lebenssprüche, eine Frische der Anschauung sprudelt uns oft entgegen, die auch heute noch belebend und anregend auf uns wirkt. Ein neues Volk, ein ungebändigtes, bisher wild umhcrschweifend, tritt Ln die Weltgeschichte ein, angeregt durch einen blitzartigen Gedanken zu neuer Geistesbildung; innerhalb Arabiens will sich eine neue gebildete Welt erschaffen. An der Wiege dieser neuen Cultur stand gleichfalls das Judenthum mit seiner Lehre. Was Gutes am Islam ist, was als ein haltbarer Gedanke in ihm erscheint, das ist ihm aus dem Judenthum überkommen. Mit dem Rufe: ״Es giebt keinen Gott als den einzigen Gott" stürmte der Araber mit seinem wilden Rosse durch die Welt, und diesen Ruf, er hat ihn nicht selbst vom Sinai vernommen, er hat ihn von denjenigen überkommen, die ihn als ihr Erbe durch die Welt getragen. Das ist der einzige fruchttragende und weltübcrwindeude Gedanke, welchen der Islam in sich trug. Er schmückte ihn aus und wiederholte ihn in leeren tautologischen Formen, er verbrämte ihn und auch dies mit jüdischen Anschauungen und Erzählungen. Und diese neue Religion, sie hattbald, ein Jahrhundert kaum nach ihrem Entstehen, auf eine merkwürdige Weise nicht blos einen großen Theil der Welt erobert, sondem die Sieger selbst gebändigt, zu einem neuen geistigen Leben erweckt. Diese Völker, die nun in ihrer ersten Jugend standen, ungebildet und roh in die neue Religion eingegangen waren, lauschten bald begierig auf das Wort, das ihnen vom Alterthume überliefert

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