Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 3 (1864-1865)
- Issue
- 1-2
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
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1. 12. In der Zerstreuung. 69 rend, es ist erhebend, wenn wir erblicken, wie die Juden überall, wo sie eine längere Zeit sich anzusiedeln vermochten, auch vollkommen in dem Geiste und dem Charakter dieses Landes wurzelten, trotz aller Liebe zu Palästina, trotz aller Innigkeit für die ererbten Sitten, trotzdem, daß sie erfüllt waren von dem Geiste, der von Jerusalem ausging, von der Lehre, die von Zion ihren Zug genommen. Sie waren bald nach der Zerstörung des Tempels in zahlreicheren Gemeinden wiederum in Babylonien ange^edclt. Dort, war das neue Perserreich, das Reich der Parther, ein mächtiges Reich, das allein einen unbezwingbaren Widerstand dem Weltreiche der Römer entgegenzusetzen wußte. Wir kennen nicht genug von der ganzen inneren Einrichtung desselben, von dem geistigen Leben, das dort herrschte, es zeugt jedenfalls für die selbständige Kraft, die in dem Volke lebte, daß cs dem Alles bezwingenden Dräuen des römischen Reiches sich zu entziehen wußte. Dort lebten zahlreiche jüdische Gemeinden und bald blühte ein geistiges Leben auf und bald war auch die Liebe und Anhänglichkeit zu diesem neuen Vaterlande eine fest begründete. Es ist ein bedeutsamer Ausspruch, der von einem Lehrer aus jener Zeit, aus dem dritten Jahrhundert überliefert wird, ein Ausspruch, der so recht die Gesinnung der damaligen dortigen Bevölkerung ausdrückt, wenn er sagt: Wer aus Babylon nach Palästina zieht, der Übertritt ein Gebot, begeht eine Sünde. So fühlten sie sich mit Babylon, mit Neupersien enge verknüpft. Allerdings, der Lehrer fügt daran einen Bibelspruch nach seiner und der damaligen Zeit Deutungsweise; allein dieser Vers hat den Gedanken nicht erzeugt, er ist an ihn blos lose angelehnt. Der Gedanke wurzelt in der Liebe zum neugewonnenen Vaterlande. Ganz damit übereinstimmend ist der andere Spruch einesanderen Lehrers, wenn er sagt: Das Staatsgesetz hat religiöse Berechtigung. Früher hatte man das Staatsgcsetz als Ausfluß des Heidenthums, als ein Werk des ungöttlichen Wesens wahrlich nicht für berechtigt erklärt, man erblickte in ihm den ärgsten Feind. Nunmehr innerhalb eines Vaterlandes, das man zwar nicht mit vollkommener Freiheit bewohnte, das aber doch eine feste und gesicherte Stätte bot, galt das Gesetz als vollkommen religiös berechtigt. Babylon war ein neues Heimathland für die Juden, und seine Sprache, die aramäische, chaldäische, wurde fast zur heiligen. Der Aramäer hieß früher der Götzendiener, Aramäismus war der feindliche Gegensatz zu Israel und dennoch, nun lebten sie unter ihnen, sie nahmen eine günstige 1tub sichere Stellung ein, da lebten