Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 3 (1864-1865)
- Issue
- 1-2
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2420973-2420988-2420989--0718-2421796- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1. 12. In der Zerstreuung. 87 strafe wurde gesetzt auf die Ausübung der Einrichtungen und Anordnun gen im Judenthume, alles dessen, was äußerlich den Juden als solchen kennzeichnet, cs floß das Blut der Märtyrer in Strömen dahin; aus diesem Blute erwuchs natürlich nur neue Glaubenskraft. Allein die Kannaim gingen allmälig auch dahin, sie ließen ihren griechischen Namen blos zurück; blinde Eiferer, die gegen die Macht der Zeit ankämpfen, den heiligen Geist der Weltgeschichte verkennend, die alten Zustände gewaltsam erhalten wollen, werden mit dem Namen: Zeloten belegt. Die Pharisäer der alten stritten Observanz, der strengen Schule, waren noch zahlreich vorhanden, die Schammaiten, die in Priesterlicher Gesetzeshülle dem Priesterthume Widerstand leisteten, jene Männer, die in Erschwerungen, die sie dem ganzen Volke auferlegten, dessen-Heiligung zu bewirken glaubten, waren noch zahlreich vor- Händen; sie wären allmälig verdorrt, hätten nicht die lebendige Kraft in sich getragen, um das Heiligthum durch die Jahrhunderte und Jahrtausende bewahren zu können. Als der Tempel gefallen war, wollte sich ihre finstere Gesinnung, stets hinblickend auf die alten Bräuche und Anordnungen, geltend machen. Nun der Tempel gefallen, sprachen sie, dürfen wir weder Fleisch essen, noch Wein trinken; kann ja das Thiec nicht geopfert werden im heiligen Hause, der Wein nicht mehr als Trankopfer vor Gott ausgegossen werden! In solcher aufreibenden, den Geist ebenso wie den Körper zersetzenden Askese würden diese Pharisäer der strengen Nuance dem Judenthume den Untergang bereitet haben. Aber die Hitteliten lebten, die Männer, welche den Geist Hrllel's geerbt hatten, mehr die innere Gesinnung achteten als die alten Erschwerungen, mehr die Zeit frugen als die alte Satzung. Sie waren es, welche die Ueberreste in einem engen Zusammenhänge erhielten, den Geist nicht untergehen ließen, wenn auch das leibliche Band, das äußere zersprengt war. Dieser Pharisäismus, wie er als eine Entwickelung aus dem Innersten heraus durch Hillel sich gestaltet hatte, hauchte dem Judenthume die Lebenskraft ein, daß es die Wanderung neu antreten konnte durch die Welt. Israel trat nun die neue Wanderschaft an, eine schwere und mühevolle. ' Es lastete von nun an lange Zeit hindurch, fast bis auf die Gegenwart, schwerer Druck auf ihm. Der Römer konnte es ihm nicht verzeihen, daß seine Macht so lange von ihm in Anspruch genommen war, daß er alle seine Kräfte anwenden mußte, um dieses 5*