Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 3 (1864-1865)
- Issue
- 1-2
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 65 (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
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I. 12. In der Zerstreuung. 65 merung Schritt vor Schritt zunahm, wie die Lucken der Mauer durch die Leiber gedeckt wurden, wie der begeisterte Sinn die gesunkene Kraft des Armes aufrecht erhielt, ich will Sie nicht unterhalten mit Jammer und Wehklagen, welche die damalige Zeit erfüllten. Genug, der Tempel fiel, das Staatsleben wurde zertrümmert, Juda hörte auf ein Volk zu sein, seine Genossen wurden vertrieben von ihrem alten Boden, wiederum in die Verbannung geführt und über die Welt zerstreut. Der Haß des Siegers, den cs tief kränkte, daß er an einem solchen schwachen Volke seine Tapferkeit so lange Zeit hindurch prüfen mußte, verfolgte sie, der Hohn und der Druck der Jahrhunderte namentlich dann, als seine Tochterrcligion auf den Thron emporgeboben wurde. Ein thränenreiches Drama entwickelt sich von dieser Zeit an vor unsern Augen, es fehlt nicht an den schmerzlichsten Leiden nach Außen und im Innern, denn auch die Geister wurden gebeugt und oft bemächtigte sich dumpfe Verzweiflung der Gemüthcr; sie hätten irre werden müssen an den Wahrheiten, die sie so tief und lebendig in sich trugen. Und dennoch, es ist keine thränenreiche Tragödie; die Tragik, die im Geschicke der Juden von da an sich entfaltet, birgt eine große Idee in sich, sie enthüllt uns eine tiefe Ueberzeugung, die lebendig bleibt, und erhält eine geistige Frische, die nimmer sich beugen läßt, eine ursprüngliche Kraft, die immer neu, wo ihr nur der Raum gegönnt wird, sich entfaltet. Das ist kein bloßes Schicksalsdrama, das ist mehr als die blasse Romantik ahnt, die in der jüdischen Geschichte nur ein fortlaufendes Wehe erblickt, über das sie sentimentalen Gemüths eine Thräne vergießen mag, über das aber einmal der Stab unbarmherzig gebrochen ist. Nein! die Widerstandskraft des Judenthums weiß nicht blos zu dulden, sie wußte und weiß auch innerlich zu schaffen. Das Drama ist noch nicht zu Ende, und erst, wer den letzten Auftritt desselben erblickt hat, der hat ein volles Urtheil darüber. 12. In der Zerstreuung. Der jüdische Staat war zerstört, aufgelöst, das jüdische Volksthum gebrochen, der Tempel eingeäschert. Ob die Thränen, die Titus vergossen haben soll beim Anblick der Verwüstung, aus tiefem Herzen gequollen sind, oder ob sie heuchlerisch gewesen, was kümmert es die Weltgeschichte, was kümmerte es die zersprengten Reste des jü- VierteljahreSschrist. III. I. 2. 5