Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 3 (1864-1865)
- Issue
- 1-2
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
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60 11 ■י Das Chn'stenthum als kirchliche Weltmacht. ihnen sich erhebe und befruchte; der Genius der Menschheit hat diese vor der vollen Selbstvernichtung behütet, aber im entschiedensten Widerspruche mit dem Verlangen des Christenthums, und er bewies, daß er doch mächtiger ist als dieses. Das Christenthum hat die alte Welt negirt, ihren Bestand wie die ganze Berechtigung ihres Daseins in Abrede gestellt; alle Berechtigung beginnt erst mit ihm, und auch von da an hat es in der Entwickelung der Weltgeschichte nichts neben sich geduldet, so lange es die Macht dazu hatte. ״Es giebt nichts außer mir, ich bin die Menschheit, ich beherrsche die Menschheit, das ganze weltliche Treiben muß von mir überwacht, muß meiner Herrschaft fügsam sein", das ist seine immer wiederkehrende Anforderung. Eine jede Entwickelung innerhalb der Menschheit, die neben dem Christrnthum einhergehen wollte, wurde von ihm als Sünde, als Abfall bezeichnet und mit aller Entschiedenheit bekämpft. Wenn wir die Weltgeschichte unbefangen betrachten, so werden wir an der Behauptung, das Christenthum sei die Mutter der neueren Bildung, entschieden irre. Die christliche Religion, die Kirche als ihr Leib, hat die Wissenschaft immer bekämpft, sie hat ein jedes Licht, das neben dem ihrigen leuchten wollte, als ein Irrlicht erklärt, das ausgelöscht werden müsse. Darum konnte auch seine Macht nicht vollkopimen eindringen in diejenigen Theile der Menschheit, die doch einen gesunden Kern noch in sich trugen, aus sich selbst eine gesunde Entwickelung erzeugten. Schon das Heidenthum kämpfte lange mit dem Christenthum, etwa, weil cs seine Götzen so hoch ehrte, weil es sie gegenüber dem Glauben des Christenthums als eine höhere Wahrheit betrachtete? Dieser Glaube war schon längst erschüttert, der Kampf ging vielmehr von der höheren Bildung aus; die philosophischen Schulen bestritten die neue Religion mit einer Schwärmerei, welche die Liebe zur Wissenschast in ihnen erzeugte. Die neu-platonische, neu-pythagoräische und andere Richtungen protestirtcn mit aller Macht gegen die Verherrlichung der Unwissenheit, gegen das Lob der Armen an Geist, gegen den Strahl, der über den Mangel an Weisheit sich ergießen sollte. Diese Macht der höheren Bildung konnte das Christenthum nur sehr schwer unter sich beugen; blos Feuer und Schwert, die größten weltlichen Schrecknisse, nicht die Macht des Geistes vernichtete die Trümmer derselben ganz und gar. Noch im 9. Jahrhundert sprechen solche Zersprengte, die sich im Osten erhalten haben, die Harranenser, mit vollem Selbstbewußtsein aus, wie sie weit höher stehen, als die