Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 3 (1864-1865)
- Issue
- 1-2
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
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58 l. n. Das Christenthum als kirchliche Weltmacht. lehre, sie wurden zwar anerkannt, und dennoch waren sie dem geifiigen Tode verfallen. Denn mit mir, lautet der Ruf, beginnt die neue Menschheit, und was vor mir war, ist nichtig und nicht blos nichtig, es ist vom Verderben vollkommen erfüllt. In dieser Kühnheit liegt eine Macht, die nicht blos begeisternd wirkt auf die An- Hänger, sondern auch auf die außerhalb Stehenden erschütternder! Einfluß übt. Wenn nun gar solche Ansprüche auf eine Zeit, ans eine Menschheit treffen, die in sich wirklich zerfallen und zertrümmert ist, so erblickt man in ihnen die volle Gesundheit. Die Menschheit war nun wirklich abgelöst von ihren früheren Entwickclungsstadien, sie war zum Punkte des'Abwelkens gelangt; die Kraft, die früher in dem Griechenthmne und mittelbar in dem Römerthume lag, war in sich gebrochen, ihres Gehaltes entleert. Der Fa'ulniß in allen Verhältnissen gegenüber^ fand man nur Rettung in der Negirung dieser Welt, im Abwerfen dessen, was als ein Ungesundes sich darstellte. Das Christenthum hatte allerdings Jahrhunderte zu kämpfen, bis es dnrchdrang, aber es mußte in dieser entarteten römisch-griechischen Welt durchdringen. Ob es in ihr auch Neues zu schaffen vermocht hätte, ist eine Frage, die die Weltgeschichte nicht beantwortet. Es hat wie ein Sturm alle die welken Blätter der alten Bildung hinweggefegt, alle Trümmer der früheren herrlichen Gebäude verschüttet, aber ob es nun auf diesem Boden ein Neues hätte Hervorrufen können, das können wir eben so gut verneinend beantworten, wie von anderer Seite cs bejahend beantwortet wird; die Geschichte giebt uns darüber kaum eine Andeutung. Wir dürfen vielleicht im Byzantinerthumc, das eine fortlaufende Entwickelung der griechischen Welt innerhalb des Christcnthums darstellt, eine solche Andeutung sinden, wohin die Welt gekommen wäre, wenn die alten Elemente unter der Herrschast des Christenthums sich entwickelt hätten, — eine günstige wäre diese Antwort freilich nicht. Aber die neue Welt sollte einen anderen Verlauf nehmen, das Alterthum wurde nicht blos in seinen Uebcrresten durch das Christenthum vernichtet, es wurde auch in seinen Elementen theilweise geradezu zerstört, jedenfalls durchrüttelt, mit neuen, urkräftigen Bestandtheilen zersetzt. Die Völkerwanderung .brachte eine Schaar von ungebildeten rohen Völkern, aber auch ursprünglich kräftigen in die alte Welt hinein.׳ Hier entfaltete das Christenthum seine besonders bedeutende Macht, hier erfüllte es seine große Mission in der Menschheit. Hier hatte es nichts wegzuwischen von früheren Erinnerungen, eine Ge-