Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 3 (1864-1865)
- Issue
- 1-2
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
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54 1. 10. Dritte Phase des Christenthums. Die Heidenwelt. Vermischung mit dem Hellenenthume; die griechischen Gottheiten ivurden mit den altrömischen identificirt, und so mußten jene von ihrer idealen Höhe herabsteigen, aber auch diese ihre Ursprünglichkeit einbüßen. Es waren von nun an Schatten, die man mit sich herumtrug. Da entstand im Griechenthume selbst eine Auffassung des Götter- Wesens, die demselben alle Poesie raubte, und sehr bald war Rom geneigt, diese aufzunehmen. Euhemeros hieß ein griechischer Schriftsteller, der die Götterlchre zum vulgärsten Rationalismus verstachte. Die Götter, lehrte er, seien große Könige gewesen, die später von den Ihrigen, die sic geehrt haben, in eine höhere Stufe versetzt worden seien. Was von ihnen erzählt wird, ist Verherrlichung gewöhnlicher Ereignisse, die wir auf ihre natürliche Wahrheit zurückzuführen haben. Wenn Kronos z. B. seine Kinder verschlingt und Zeus ihn vom Throne stürzt, so ist das die Geschichte eines Königs aus alter Zeit, als Menschenopfer noch bestanden, den ein anderer König vom Throne stürzt, die Menschenopfer aufhebend. In dieser Weise wurde Alles aus der griechischen Götterlehre abgeklärt, seines tieferen In- Halts entkleidet, denn immerhin ist Poesie, wenn auch in phantastischer Hütte, tiefer als solche Plattheit. Diese Auffassung drang bald in Rom ein, die Schrift des Euhemeros wurde sehr bald ins Lateinische übersetzt, seine Anschauung die herrschende. Es kam dahin, daß, wie berichtet wird, zwei Auguren, die einander begegneten, sich bemühen mußten, nicht laut aufzulachen. Es herrschten noch die alten Sitten weiter, das alte Priesterthum, das alte Opserwesen, das Schauen nach den Eingeweidcn, nach dem Vögelftuge, aber der Glaube daran war nicht mehr vorhanden. Es kam natürlich dahin, daß, da die alten Götter nur Menschen waren, man sich auch leicht dazu verstand, die Menschen zu Göttern zu machen, es kam dahin, daß nian die Kaiser als Götter verehrte, mit ihren Leidenschaften und Thorheiten, daß diese göttliche Verehrung verlangten und sie erfuhren. So tief war das ganze religiöse Leben in Rom gesunken und in der Welt, die von ihm beherrscht wurde. Aber die menschliche Natur begnügt sich damit nicht; es entstand wie auf der einen Seite krasser Unglaube, so auf der anderen eine Sehnsucht nach einem anderen Glauben, erfüllt zu sein von einem höheren Gedanken, vom Wunderbaren, das nicht in solch platter Natürlichkeit täglich dem Auge begegnet. Neben Unglauben entstand Aberglauben, wie dies in der Natur der Menschen liegt, daß neben dem wuchernden Materialismus auch die Klopfgeister geehrt werden.