Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 3 (1864-1865)
- Issue
- 1-2
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
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50 l.!0. Dritte Phase des Christenthums. Ausprägung in die scharfen und bestimmten Gesetze. Den Heiden׳ genügte dies vollkommen, und die Verallgemeinerung der jüdischen Wahrheiten war ein mächtiger Schritt für die Menschheit. Die einzclnen geschichtlich gewordenen Gesetze kannten sic nicht, sie wären ihnen eine unerträgliche Last gewesen. Für sie bedurfte deren Un- Verbindlichkeit, deren Ungültigkeitserklärung keiner Rechtfertigung; um so mehr aber war sic nothwendig gegenüber Paulus' eigenem Gewissen, gegenüber den Gläubigen, die aus dem Judenthume gewonnen waren. Zugegeben auch, das göttlich gegebene Gesetz hat seine unausweichlich verbindliche Kraft in der nun cingetretenen Messiaszeit eingebüßt, bleibt cs nicht doch eine heiligende Macht, erhöht es nicht dennoch diejenigen, welche weiter an ihm halten, es ferner ausüben? Gesetzt auch, cs sei den aus dem Heidcnthume neu aufzunehmenden Gläubigen zu erlassen, ihnen nicht als verpflichtende Norm aufzuerlegen: konnte es auch von den Juden, die mit solcher Verpflichtung geboren waren, hinweggenommen werden? soll es nicht mindestens für sie als ein Mittel höherer Heiligung verbleiben? soll nicht mindestens die entschiedene Ungültigkeitserklärung verschoben werden bis zur Wiederkunft des Messias und der dann völlig herzu stellenden neuen Welt in ihrer Herrlichkeit? Paulus schwankte. Hatte der kühne Gedanke, die ganze Menschheit zu einigen unter einem Glauben, die Bedenken in der cfßcncn Brust beseitigt, so blieb es doch schwerer, die alten Genossen aus dem Judenthume von ihrem Standpunkte abzubringen; sie hatten bereits die alten Sitten mit dem neuen Glauben verschmolzen, wozu denn sie von jenen hinwegreißcn? Paulus schwankte und destinguirte. Mögen die Juden beim altgewohnten Gesetze verbleiben, den Heiden genüge der neue Glaube. Aber damit kam ein gefährlicher Zwiespalt Ln die neue Richtung.; Paulus' ganze Absicht hätte daran scheitern müssen. Eine solche Zwiefältigkeit von Anhängern eines Glaubens, an sich schon verwirrend, trug den Keim der Auflösung in sich. Die Heiden erschienen dadurch nicht als vollberechtigte, ebenbürtige Bürger im neuen Glaubensreiche; die Juden blieben die besonders Geheiligten sowohl durch Geburt als durch weitere Ausübung des Gesetzes, die Heidenchristen waren ein unheiliges Anhängsel. In ihnen aber gerade fand Paulus seine mächtigste Stütze. Paulus ward zu einem weiteren Schritte gedrängt. Es genügte nicht, das ״Gesetzt als überflüssig, entbehrlich zu bezeichnen, es mußte ganz gebrochen, cs mußte als störend erklärt werden. Die gegenwärtige Uebnng des Gesetzes, so schritt er fort, ist nicht blos ver-