Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 3 (1864-1865)
- Issue
- 1-2
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2420973-2420988-2420989--0687-2421765- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
36 9 .ז. Die Lage in Galiläa. Was im innersten Mittelpunkt des Reiches seinen Ausdruck fand, seine Ausprägung erfuhr, das fand in den äußersten Grenzen des Reiches nicht blos seinen Nachhall, sondern auch seine eigenthümliche Gestaltung, und diese äußerste Grenze des Reiches war Galiläa. Galiläa war von Judäa noch durch Samaria geschieden, von seiner ursprünglichen Entwickelung an von einem Mischvolke bewohnt, so daß es eben ״das Gebiet der Völker" hieß, umgeben von Syrern und Phöniziern, auch vielfach eine solche fremde Bevölkerung in sich einschließend. Sie haben vielleicht in einem neueren Werke eine sehr anmuthige Schilderung über Galiläa gelesen. Sie geht dahin, Galiläa sei ein höchst fruchtbares, malerisches Land, in dem köstliche Ebenen abwechseln mit belaubten Höhen, in dem der Boden Alles darbietet, was nur die Wünsche des Menschen anregen kann; seine Bewohner naive Naturkinder, harmlose Ignoranten und holde Jgnorantinnen, die einem begeisterten jungen Manne in unschuldiger Liebe folgen, man weiß nicht, ob diese Liebe mehr der Person oder der Sache gilt, welche er vertritt. Ich bedauere, daß ich diese zauberhafte Idylle zerstören muß. Galiläa war allerdings ein fruchtbares Land, es war durchschnitten von Strömen und Bergen und bot in reichem Ucberflusse für alle Bedürfnisse dar; seine Bewohner waren allerdings unwissend, die Sprache war eine verdorbene und zersetzte, das eigentlich Charakteristische verwischend und Fremdes in sich aufnehmend, daher auch der Charakter der Bewohner nicht ein so durchgebildeter wie in Judäa. Aber diese Unwissenheit war keineswegs ein idyllisches Stillleben, sie paarte sich vielmehr mit einer gewissen Rohheit. Die Empörer, die ich früh^ genannt, diejenigen, welche mit Feuer und Schwert, mit Dolch und anderen heimlichen Mitteln die Gegner zu beseitigen suchten, sie waren eben meist Galiläer. Der junge Herodes — also bereits in einem Zeitabschnitte, der dem gegenwärtig von uns behandelten vorangeht — Herodes hat seine ersten Proben in Galiläa abgelegt. Er hatte über die dortigen Räubcr ein erbarmungsloses Gericht gehalten, allein von der Nothwendigkeit dazu gedrängt. Er wurde zwar deshalb angeklagt, seine Macht — obgleich er damals nichts weiter war als ein Statthalter Galiläa's unter seinem Vater Antipater, dem Vertreter des Hyrkan — seine Macht war schon zu sehr herangewachsen, als daß das Synedrialgericht einen Urtheilsspruch über ihn zu fällen wagte. Aber sicher ist, daß die Veranlassung zu einem außerordentlichen Verfahren vorlag. In Galiläa war eben der Geist verbreitet, wie er gewöhn-