Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 3 (1864-1865)
- Issue
- 1-2
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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h 9. Die Lage in Judäa. 35 gehört dann das Reich. Wollen Sie den Ausspruch hören eines Eiferers, oder vielmehr des Sohnes eines Eiferers aus späterer Zeit, den uns die alten Lehrer überliefert haben? Er sprach cs aus: Wer da über sich nimmt das Joch der Lehre, der schüttelt damit ab das Joch des Reiches und das Joch der bürgerlichen Anordnung, wer aber von sich abschüttelt das Joch der Lehre, über den kommt das Joch des Reiches dieser Welt und das Joch aller bürgerlichen Anordnungen. Nur die Lehre, nur die treue Befolgung der religiösen Vorschriften, sie allein soll und wird herrschen, und wenn sie herrscht, dann zerfällt das ganze künstliche Staatsleben; alle jene Veranstaltungen, die das bürgerliche Leben Zusammenhalten, ohne daß die Religion sie gebietet, sind überflüssig und schwinden. Schürtelt man jedoch das Joch der Lehre, das leichte süße Joch von sich ab, dann muß man das ganze schwere Joch dieser Welt tragen» Darum weg damit und ernst die Lehre umfaßt. Diese Gedanken erfüllten die Herzen, auf solche Hoffnungen schaute man mit der entschiedensten Zuversicht. Auch zarter besaitete Gemüther gab es, die nicht in das thatkräftige Wüthen und nicht in das emporgehobene Hoffen einstimmten, die ihre fromme Sehnsucht in der Zurückgezogenheit durch einsiedle-- rische Askese befriedigten: das waren die Essäer, jene dritte Secte des Josephus. Sie griffen nicht einflußreich ein in die Gestaltung der Verhältnisse, fanden aber doch Anklang und Anhang, man legte ihnen Wunderkraft bei und verehrte die stillen Männer mit ihren frommen Uebungen. Die Essäer unterscheiden sich im Allgemeinen nicht sehr von den Pharisäern. Auch |p gehörten eben dem Bürgerstande an, auch sie waren keineswegs befreundet mit den Vornehmen und den Priestern — sie sollen sogar das thierische Opfer ganz verworfen haben, — aber mehr als die Pharisäer, ja fast im Gegensätze zu ihnen, mieden sie die Berührung mit der Außenwelt so viel wie möglich, in das innerste Heiligthnm ihres Gemüthes zurückgezogen, in mystischen Betrachtungen die Befriedigung der geistigen Anforderung sindend. Die Welt mit ihren Angelegenheiten war ihnen gleichgültig, sie sollen — wir haben über sie blos den Bericht des einen unzuverlässigen Josephus — sogar der Ehelosigkeit, der Gütergemeinschaft u. dgl. gehuldigt haben. Daher galten sie als Wnnderthäter und Propheten, gewannen bedeutenden Ruf und Anhang, doch natürlich ohne in die Entwickelung der Zustände einzugreifen. So war die Stimmung in Judäa. 3*