Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 3 (1864-1865)
- Issue
- 1-2
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 31 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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l. 9. Die Lage in Judäa. 31 eine gewisse Halbheit noch immer vorherrschte. Noch blieben Priesterthttm und Tempeldienst in ihrer Bedeutung, wenn dieselbe auch sank, noch hatte die Erhebung des Menschen zu freier Religiosität nicht den Gipfelpunkt erreicht, auf dem der freie weite Blick ungehemmt nach dem Göttlich-Menschlichen schaut, die innerste Gesinnung herrschend die äußere Form schafft und umgestaltet. Die Umgestaltung wurde angestrebt, aber im engen Anlehnen an das Bestehende, und in solcher Art gelang sie. Ein fortgesetztes Wirken in diesem Sinne würde sicherlich das Judenthum immer zu höheren Entwickelungen hingefuhrt haben. Der Pharisäismus war. ein gesundes Glied an dem Körper des Judeuthums und zeigte sich als solches auch in der damaligen Zeit. Seine Genossen waren eifrige Vaterlandsfreunde und zugleich mit Ernst hingegeben der Erkenntniß und Uebung der Religion. Aber bei allem Streben, das Volks- und Staatsleben zu erhalten, die vaterländischen Sitten und die vaterländische Bedeutring zu befestigen, waren sie dennoch Männer, die, einem jeden Ueberstürzen abhold, einen jeden unbesonnenen Eifer zu mäßigen bemüht waren. Sie waren nun mit in das Innerste des Staatslebens eingeführt, ihre Häupter hatten allmälig die Bedeutung errungen, neben den Hohepriestern, den Führern der Sadducäer, gleichfalls eine gewichtige Stimme: im Rathe zu haben, über die Verhältnisse des bürgerlichen und staatlichen Lebens ihr entscheidendes Urtheil abzugeben, und nun zeigte es sich, daß sie, ehedem die heftigen Oppositionsmänner, doch mit kluger Einsicht die Mittel wohl erwogen, die ihnen zu Gebote standen, die Kräfte berechneten, die sie zn verwenden hatten. Selbst Josephns, der höfische und parteiische Geschichtsschreiber jener Zeit, muß von dem Manne, der zur Zeit des jüdischen Kampfes von Seiten der Pharisäer an der Spitze stand, von Simon ben Gamaliel, einem Enkel oder Urenkel Hillel's, der kein persönlicher Freund des Josephus war, ihm vielmehr in seinen Bestrebungen hindernd entgegentrat, weil er ihm wohl verdächtigerschien, Josephus muß dennoch einräumen, daß Simon ben Gamaliel ein Mann ebenso der entschiedensten Thatkrast wie der einsichtsvollsten Klugheit war, ein Mann, der das Volk vor Ausschreitungen zu wahren beflissen war, der jene tollkühnen Unternehmungen, von denen wir noch hören werden, keineswegs billigte. Die׳ Pharisäer lebten sonachwenn auch von religiösen Hoffnungen für die Zukunft mächtig angetrieben, doch zunächst Ln der Gegemvart als thatkräftige Genossen derselben.