Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 3 (1864-1865)
- Issue
- 1-2
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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I. 8. Hillel. 23 kann. Freilich bei Andern greift die Sage in das ganze Wesen umgestaltend ein, sie schmückt sie mit Wukdern, legt all ihren Flitter um siez aber je wunderbarer die Sage, desto weniger glaubwürdig rst sie, um so mehr verhüllt sie den Charakter, um so kleinlicher erscheint der Verherrlichte als geschichtlicher Mensch. Wäre die Persönlichkcit recht scharf hervorgetreten, so könnte sich die Sage nicht so widersprechend um sie legen, könnte die scharfen Züge an ihr nicht so verwischen. Bei .Hillel ist dies nicht der Fall. Auch an ihn mögen manche Sagen, sich knüpfen, aber sie sind vollkommen seinem Wesen entsprechend. Wunderbares wird von ihm gar nicht berichtet; er bleibt ein Mensch, ein gesunder, voller Mensch, mehr soll er nicht sein, deshalb ist er grade um so größer. Er wird als Schüler desSchemaja und Abtaljon bezeichnet. Als armer Jüngling konnte er einst, so wird erzählt, dem Thürhüter des Lehrhauses die kleine Münze nicht entrichten, die für den Eintritt verlangt wurde. Es war ein kalter Wintertag, er suchte das Fenster des Lehrhauses zu erreichen und legte sich dorthin, um den Vortrag der Lehrer zu hören; so lag er da, .merkte nicht auf das, was um ihn vorging, die Schneeflocken fielen dicht auf ihn und bedeckten ihn. Erstarrt brachte er so die ganze Nacht zu, und als am Morgen das Lchrhaus geöffnet wurde und es gar nicht Tag werden wollte an diesem Fenster, da sah man nach und man entdeckte den erstarrten Hillel; man brachte ihn in das Haus und er wurde zum Leben zurückgerufen. Ueber die Wahrheit dieser Geschichte mag das Urtheil dahingestellt bleiben; ist sie bloße Sage, so bleibt sie ganz innerhalb des Natürlichen. Sie will seinen außerordentlichen Eifer ausdrücken, mit dem er sich dem Studium hingab, und zugleich seine Dürftigkeit. Als arm wird er noch sonst geschildert; aber trotzdem daß er von den Gütern des Lebens nicht umgeben war, wahrte er sich seine Selbständigkeit, und weil er im Volke stand, hatte er auch um so mehr ein Herz für das Volk und seine Bedürfnisse. Besonders wird seine Sanstmuth gerühmt. Diese Eigenschaft war an ihm bekannt, und zwei gingen eine Wette ein, indem der Eine behauptete, er werde den Hillel in Zorn bringen. Er ging zu ihm, es war kurz vor dem Eintritt, des Sabbaths, dreimal hintereinander, legte ihm die kindischsten Fragen vor. Hillel trat he^rus und gab ihm- Antwort, immer in derselben ruhigen Weise. Als der Wettende zum dritten Male seinen Versuch gescheitert sah, da sprach er heftig: Wie Du bist, mögen nicht Viele sein in Israel! Warum, mein Sohn, sprach