Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 2 (1863)
- Issue
- 3-4 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 264 (sequence 104)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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264 V. Michael Sachs. nehmender Liebe enthüllte er diesen Kern jüdischer Gesinnung und stattete ihn würdig aus. Ihm war die Gabe dichterischer Nachbildüng in reichem Maße verliehen; er wußte die. hebräischen dichtenschen Versuche tief zu empfinden und schön wiederzugeben, ja selbst unglückliche und unerquickliche alte Reimereien wurden durch seine Formgewandtheit jedenfalls pikant. Er war ein vielseitiger Sprachkenner, und er wußte daher aus dem entarteten Griechischen, dem Byzantinischen, das vielfach in die späte jüdische Literatur, die Midraschim, seine Wortbildungen aussendet, manche Belehrung und Erklärung beizubringen. Ein Mann von diesen Fähigkeiten und Leistungen mußte, namentlich im Schooße einer so vielseitig angeregten Stadt und Gemeinde, verdiente Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wenn wir so einerseits die Bedeutung des Verewigten nicht unterschätzen, so verlangt es jedoch nicht blos die Gerechtigkeit, sondern auch das Streben nach einer gedeihlichen Entwickelung des Judenthums, welches unser höchster Maßstab bleibt, daß wir auch unbefangen die Schwächen des talentvollen Mannes, die nicht ohne sehr nachtheiligen Einfluß geblieben, offen bezeichnen. Zn S. nämlich erblicken wir einen Mann, der oft einen mächtigen Anlauf nimmt, hohe Intentionen hat ohne die Kraft, sie auszuführen, mit einer gewissen anspruchsvollen Gespreiztheit jede eigene Leistung als von ganz neuem Standpunkte ausgehend selbst bezeichnet und es doch blos zu scharf zugespitztem Ausdrucke der Unzufriedenheit, zu einer geringschätzigen Behandlung allgemein anerkannter Männer und Bestrebungen bringt, ohne daß man ersah, worin denn seine Berechtigung zu einem solchen Absprechen lag. Schon seine erste Arbeit, eine Uebersetzung und Erläuterung der Psalmen (1835), zeigte eine schulmeisterliche Selbstüberhebung, welche auch allen späteren Arbeiten aufgeprägt ist. Um frühere Uebcrsetzer zu geißeln, welche, doch jedenfalls mit dem guten Bestreben, den Text dem Leser verständlich und genießbar zu machen, etwas paraphrastisch verfahren, schlägt er, durch Rückert's Beispiel angeregt, den entgegengesetzten Weg ein und übersetzt in wörtlichster Steifheit. Dem etwas^e-ien Walten der Kritik gegenüber hält er sich streng an den überlieferten Buchstaben mit seiner Vocalisation, und über historische Veranlassungen — geht er einfach hinweg. Bei dieser Unzulänglichkeit der Leistung*), die *) Eine sehr milde, von Freundschaft dictirte und dennoch den Tadel nicht ganz verschweigende Receusion lieferte Zunz in meiner wiff. Zeitschr. f. jüd. Theologie II. S. 499 ff.