Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 2 (1863)
- Issue
- 3-4 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 232 (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2420973-2420979-2420982--0566-2421644- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
232 H. Proben neuerer hebräischer Sprachgelehrsamkeit. ans, wenn wir die kleine, sich immer mehr lichtende Schaar der Männer ausnehmen, welche bereits vor einem Menschenalter mit tüchtigen Arbeiten begonnen haben und auch gegenwärtig rüstig ihre Thätigkcit fortsetzen, aber sich freilich deshalb auch leicht gegen eine neue Entwickelung in ihrer Wissenschaft abschließen. Sie gehören der strebsamen früheren Generation an; aber das neue Geschlecht? Die Trägerin der neuen theologischen Anregung, die sogenannte Tnbinger Schule, hat sich nie an den Arbeiten auf hebräisch-biblischem Gebiete, betheiligt, ja sie hat nicht einmal ein Verständniß für die jüdischen Forschungen, die, unabhängig von ihr unternommen, von selbst in Methode und Ergebnissen ihrem Verfahren auf christlichem Gebiete begegnen. Diese Jgnorirung mag nicht blos eine Scheu vor der Schwierigkeit historischer Untersuchungen sein, wie sie sie von ihrem Standpunkte aus allzustellen hätte und welche in diesem hohen Alterthnme ein Material herbeizuschaffen haben, das, aus den entlegcnsten Gebieten des Judenthums zusammengesucht, erst neu ausgehauen werden muß. Dieser Umstand ist zwar von nicht zu übersehender Bedeutung, allein er reicht gegenüber der deutschen Ausdauer und der Fähigkeit, sich mit dem Fremdartigsten vertraut zu machen, nicht aus, um diese Vernachlässigung genügend zu erklären. Es tritt hinzu, daß sich grade da, wo das Christenthum, seines Wunderbaren entkleidet, als eine menschlich-geistige Schöpfung betrachtet wird, das Bestreben geltend macht, dasselbe dennoch als ein völlig Neues auftreten zu lassen. Ein zu tiefes Wurzeln desselben in! Judcnthum, es als eine Fortsetzung oder höhere Entwickelung des Judcnthums zu betrachten, würde es aller Originalität berauben, ihm den Anspruch entziehen, eine neue weltbewegende Kraft zu sein. Der orthodoxen Anschauung kann cs genügen, das Christenthum als die vollendete Offenbarung neben die pädagogische des Judenthums hinzustellen; auch dieses muß ihr daher von hohem Werthe sein. Der freisinnigen Richtung würde das Christenthum ganz aufhören, eine neue welthistorische Macht zu sein, wenn sie es als eine naturgemäße Entwickelung aus dem Judenthume betrachtete. Daher sehen wir, wie Schleiermacher mit ängstlicher Sorgfalt bemüht ist, das Christenthum ganz von aller engen Berührung mit dem Judenthume loszulösen, der Rationalismus mit gieriger Gehässigkeit auf des letzteren angebliche Schattenseiten lauerth und auch die Tübinger Schule, die doch auf das Judenthum zurückgehcn muß, indem sie das Christenthum allmälig ,zu seiner Fcstgestaltung erst aus dem Kampfe gelangen