Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 2 (1863)
- Issue
- 3-4 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 230 (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
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230 *1L Proben neuerer hebräischer Sprachgelehrfamkeit. Kenntniß desselben ist auch unter den Christen schon längst über die ersten Kindheitsversuche hinausgcschritten, die Beschäftigung damit wird nicht als Nebensache, sondern als Fachangelegenheit ernstlich betrieben, das hebräische Schriftthum, die Bibel, wird mit religiöser Scheu behandelt, die heutige Theologie ist ״conservativ" und raschem Conjecturiren abgeneigt. Und dennoch mag es kaum zu irgend einer Zeit so schlecht um die hebräische Sprachwissenschaft gestanden haben wie heutigen Tages. Die freisinnige jüdische Theologie scheint überhaupt sich in einer zahmen Praxis auszuruhen; sie läßt die wissenschaftliche Bewegung mit Beschaulichkeit an sich vorübergehen und lebt mit der Bibel in jenem Frieden, der seine Wurzel in gleichgiltigem Nebeneinandergehen hat. Man sucht sich höchstens einmal wegen einer wörtlichen Uebersetzung gegenüber oder neben der Tradition zu wahren, ob man z.B. וירקה בפניו übersetzen dürfe: sie speie ihm in's Angesicht, oder es wiedergebcn müsse: vor ihm; sonst bleibt man bei dem herkömmlichcn von den fleißigen alten Commentatoren erworbenen Gute. Luzzarto, welcher besonders den Beruf in sich fühlte, als Exeget aufzutreten, entmannt seinen feinen Sprachsinn durch engherzige dogmatische Vorurtheile. Wer heutigen Tages noch seine Augen vor der Erkenntniß der sprachlichen und schriftstellerischen Eigenthümlichkeit des zweiten Jesaias und des Deuteronomiums verschließt, mit dem ist überhaupt nicht mehr zu rechten. Innerhalb des Kreises, der höchst sorgsam den conservativen Anstrich wahrt, während er innerlich mit den alten Grundlagen längst gebrochen und sich wesentlich auf die neueren wissenschaftlichen Voraussetzungen stützt, ist es natürlich von der biblischen Kritik still; nur Herr Grätz, der überhaupt zuweilen ungebehrdig an den Schranken rüttelt, hat auch einmal dieses Stillschweigen gebrochen. Doch verfährt er dabei in gewohnter Weise. Eine fromme Phrase soll die destructive Kritik verdecken, und diese wird etwas drüberhin geübt. Er hatte einen Aufsatz: zur hebräischen Sprachkunde und Bibelexegese begonnen (Frankel's Monatsschrift, 1861, Bd. X. S. 20 ff.). Er leitet ihn, nach seiner Art, mit dem absprechenden, seiner maßhaltenden Methode zur Folie dienenden Urtheile ein über die früheren christlichen und die gegenwärtigen jüdischm Bibelforscher. Jene seien ehedem ״revolutionär verfahren, änderten, stickten und strichen nach Herzenslust, wenig bekümmert um Sprachgebrauch und Tcxtzusammcnhang, ja oft ohne Kenntniß der Sprachelemente", während die jüdischen Exegeten der hergebrachten