Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 2 (1863)
- Issue
- 3-4 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 227 (sequence 67)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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I. 6. Tradition. 227 edelnde Geist immer weiter. Die Tradition ist die Kraft der Ent- Wickelung, welche im Judenthum fortdauert als eine unsichtbar schöpferische, als ein gewisses Etwas, das niemals seine volle Aus- Prägung erhält, aber immer wirkt und schafft. D-ie den Körper belebende Seele ist innerhalb des Judenthums die Tradition, sie ist die ebenbürtige Tochter der Offenbarung. Sie schwand nie und wird nicht schwinden innerhalb des Judenthums, sie ist der Duell, der die Zeiten immer befruchtet und bei jeder Berührung mit der Außenwelt je nach dem Bedürfnisse auch neu gestalten muß. Das war es, womit das neue Volksleben, das neue religiöse Leben begründet wurde. Wenn einst die Zeit kommen sollte, aber sie wird nicht kommen, wo der Strom der Tradition versiegt, wo man auf das Judenthum hinblickt als auf ein vollständig Abgeschlossenes, wo man mit dem nach hinten gewandten Antlitze auf das schaut, was die früheren Zeiten erschaffen haben, und blindlings dies bewahren will, wo inan auf der anderen Seite sich zwar nicht mit Bereitwilligkeit unter die Vergangenheit zu beugen, dennoch aber mit einer romantischen Ehrfurcht, mit einer gewissen alterthümelnden Liebe auf das Judenthnm als eine Trümmer hinschaut, die in ihrer trümmerhaften Gestalt erhalten werden müsse, oder Andere wieder mit vornehmer Gleichgiltigkeit an dieser Trümmer vorübergehen, nirgends aber eine gestaltende Kraft sich zeigen, nirgends eine lebendige Kraft Hervorbrechen wollte: Wenn einst eine solche Zeit kommen sollte, dann freilich mögen Sie dem Judenthume das Grab aushöhlen, es ist dann todt, es ist dann geistig vollkommen geschwunden, es ist dann ein wandelndes Knochengerüste, das eine Zeit lang noch fortdauern mag, aber dem Untergange sicherlich entgegengeht. Das ist das Judenthum nicht; das Judenthum hat eine fortzeugende Tradition. Ja ehren wir dieses Wort! Die Tradition ist wie die Offenbarung eine geistige Macht, die immer weiter wirkt, eine höhere, die nicht aus dem Menschen hervorkommt, sondern ein Ausfluß des göttlichen Geistes ist, die innerhalb der Gesammtheit wirkt, ihre Träger sich auserwählt, in stets reiferen und edleren Früchten sich manifestirt und dadurch Lebensfähigkeit und Lebensdauer bewahrt. Mit der Tradition ist das zweite Volks- und Staatsleben, die zweite Epoche des jüdischen Lebens entwickelt worden. Wohl mußte dieses Staatsleben durch einen schweren Kampf begründet werden, und bei allem Jubel, der zuerst die Gemüther durchdrang, schlich sich doch bald die Trauer über die Dürftigkeit der Mittel und die Gering- 15*