Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 2 (1863)
- Issue
- 3-4 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 198 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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198 1. 4. Menschenliebe. der Grund und die Wurzel der Lehre, das übrige ist die Erklärung, gehe hin und lerne sie, oder der Spruch: Du söttst lieben Deinen Nächsten wie Dich selbst, das ist der große umfassende Grundsatz der Lehre, oder der andere: Dies ist das Buch der Zeugungen des Menschen, das ist noch ein größerer Grundsatz, Mensch sein und überall den Menschen erkennen und alle Nachkommen gleich und ebenbürtig, — die Hittel, Akiba und Ben Soma, die Solches aussprachen, sie sind die Säulen und Träger des Judenthums und wir müssen ihr Wort wohl beherzigen. Das Judenthum also, sage ich, ist nicht blos in die Welt eingetreten, um einen neuen Gottesbegriff ihr zu schenken, sondern die menschlichen Verhältnisse, die Erkenntniß und Würdigung des Menschen zu verklären. Aber grade bei der Beziehung zwischen Mensch und Mensch wird es desto mehr zutreffen, daß die Idee sich zuerst hie und da beschränken, eingehen muß in die verschiedenen Verhältnisse, wenn sic irgend einen Erfolg haben soll. Auch des einzelnen Menschen Wirksamkeit wird, wenn er durch seine Höhe losgerissen von seinen Genossen steht, nicht eingeht in ihr Treiben, nicht Antheil nimmt an ihrem Streben, sich nicht als eingreifend erweisen, mag er noch so bedeutend sein; die Menschen mögen wohl zu ihm hinanschauen in Ehrerbietung, aber sie werden nicht von ihm becinflußt. Will der Mensch wirken, so muß er eingehen in die bestehendcn Verhältnisse, es muß ein gegenseitiges Anbequemen stattfinden. Bei dem Gottesgedanken freilich da giebt cs keine Vermittelung, keine Nachgiebigkeit, der reine Geist und die Sinnlichkeit lassen sich nicht vermitteln; wo cs das Höchste gilt, konnte das Judenthum nicht mit Nachgiebigkeit anftrcten, es mußte mit Entschiedenheit der Gegensatz bekämpft werden. Anders bei den Beziehungen unter den Menschen selbst, da darf, da muß der Gedanke allmälig verklärend, lösend wirken, bis dann die harte Rinde zerbröckelt abfällt. Die Völker des Altcrthums glaubten kaum bestehen zu können, ohne daß das Sclavenwesen unter ihnen fest.gegründet war als ein unumstößlich Recht. Der freie Bürger sollte nicht Arbeit verrichten, sie war den Sclaven übertragen; der Sclave war ein Eigenthum seines Herrn, eine Waare, ein Ding, das vollständig dem Belieben seines Herrn übergeben war. Das Judcnthum tritt mit dem Gedanken auf, daß jeder Mensch berufen sei zur Arbeit; es setzt Gott den ersten Menschen zwar zuerst ins Paradies, in den Garten Eden, aber auch, um dort zu arbeiten und zu hüten. Doch alsbald tritt er in nüchternere Verhältnisse ein und cs wird ihm gesagt: Im