Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 2 (1863)
- Issue
- 3-4 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 190 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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190 l. 3. Die Offenbarung. Zeit, es mögen Andere genauere Berechnungen angestellt und weit über ihm gestanden haben, aber es war, wie wenn vor seinem Blicke das ganze Getriebe der Kräfte, die einander ziehen und drängen, die ganze Bewegung der Welt sich offenbarte, wie wenn der Schleier, welchen trübe Traditionen verdichtet, vor ihm hinweggezogen worden wäre, er mit kühnem Blicke in den Gang des Universums hineingeschaut und, was er entdeckt, festgehalten hätte als eine rasch aufgefaßte Wahrheit, die er nachher zu begründen versuchte — nicht genügend, da sie viel fester, genauer erklärt, begründet werden mußte, als er es vermochte, und doch mit tiefster Erkenntniß. Newton soll, unter einem Apfelbaume sitzend, durch den Fall eines Apfels darauf gekommen sein, das Gesetz der Gravitation aufzustellen. Einen Apfelfall beobachteten viele vor ihm, aber nicht mit dem Auge des Genies. Dieses sieht eben in der einzelnen Erscheinung das große, umfassende Gesetz, das diese Erscheinung als eine einzelne aus sich entstehen läßt, es schaut durch diese Aeußerlichkeit in das innere Weben, aus dem Alles hervorgeht. Und so ließen sich die Beispiele aus einem jeden Gebiete häufen. Den Geschichtsforscher, dem die Weihe ausgeprägt ist, macht nicht die Gründlichkeit, die Sorgsamkeit der Forschung, das reiche Wissen aller Einzelheiten aus, er muß vielleicht sehr oft eine Masse Stoffes, die ihn belästigt, von sich abweisen, um nicht verwirrt, von den Einzelheiten erdrückt zu werden. Was ihm seine besondere Bevorzugung giebt, das ist, daß sein Blick mehr geschärft ist, um hineinzuschauen in den Charakter der Zeit, daß das ganze Räderwerk der Ideen, welche die Zeit tief innerlich bewegen, vor ihm sich aufrollt. Es ist, als stände die Zeit in ihrer Einheit, aufgedeckt in ihren tiefsten Gründen, vor seinem geistigen Auge, als habe er die bewegenden Persönlichkeiten in ihren geheimsten Absichten belauscht. So erhält das auch schon Bekannte erst seine richtige Stelle, weil der Zusammenhang der Dinge und der Persönlichkeiten erst vollkommen klar geworden. Sie nennen dies vielleicht Scharfsinn, glückliche Combinationsgabe; nun, wenn der scharfsinnige Denker nicht irre geht, wenn die Combination die rechten Glieder zu verbinden weiß, dann ist es Genialität. Und was ist cs, was den Dichter befähigt, so tief in die Seele hineinzuschanen, daß er den Charakter, die Begierden, die Leidenschaften mit der vollsten Klarheit erkennt, als wären die Kammern des Herzens ihm vollkommen eröffnet? Was befähigt ihn, alle Verschlingungen und Verkettungen in den verschiedenen Verhältniffen und Beziehungen, wie sie auch sich verwickeln und dem ge-