Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1863-01-01 · 3-4 (1863) · p. Seite 191

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
2 (1863)
Issue
3-4 (1863)
Date
1863-01-01
Page
Seite 191 (sequence 31)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2420973-2420979-2420982--0525-2421603
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

r. 3. Die Offenbarung. 191 wohnlichen Blicke sich verstecken, den Charakter in seiner Ganzheit zu erfassen und darzustellen? Ist es die reichere Erfahrung, die ihm zu Thcil wird? Ist cs, daß er selbst etwa Alles erlebt? Sicherlich nicht! Es ist der Blick, der sicherer und geschärfter aus der einzelnen Erscheinung das ganze Leben der menschlichen Seele Ln sich anfnimmt und es wiederzngcben weiß. Ja, nur die Genialität befähigt den Einzclnen, daß er mächtig eingreift in die Bewegungen des Geistes und sie Jahrhunderte hinaus fördert, und wie den Einzelnen, so auch ganze Völker. Die Griechen rühmten sich, Autochthonen, aus und auf dem eigenen Boden geboren zu sein. Ob dieser Anspruch ein berechtigter ist, das mag dahingestellt bleiben, aber ein anderer Anspruch, der vielleicht der tiefere Sinn davon ist, wird sicherlich zugegeben werden, nämlich das Autochthonenthum des Geistes, die Ursprünglichkeit ihrer besonderen Volksanlage. Die Griechen hatten nicht Vorbild und Lehrer Ln Kunst und Wissenschaft, sie waren sich selbst Lehrer und Meister, sie traten alsbald mit einer Vollendung auf, die sie zu Lehrern der Menschheit fast für alle Zeiten macht. Es ist, als wenn dem Volke eingeboren wäre der höhere, lebendigere Sinn für das Schöne, Harmonische. Wohlgefügte und lieblich Gestaltete, es ist eine Volksgenialität, die es befähigte, daß aus ihm Meister Ln jeglicher Kunst und Wissenschaft hervortraten. Darum lauschten auch die späteren Jahr- Hunderte gerne den Worten dieses Volkes, eilten dahin, wo sie die Werke der bildenden Kunst erschauen konnten, sich gewissermaßen wieder jung badeten in dem geistigen Quelle, der von ihm ausgeht und durch die Jahrhunderte hinrauscht. Hat nicht das jüdische Volk gleichfalls eine solche Genialität, eine religiöse Genialität? Ist es nicht gleichfalls eine ursprüngliche Kraft, die ihm die Augen erleuchtete, daß sie tiefer hineinschauten in das höhere Geistesleben, die enge Beziehung zwischen dem Menschengeiste und dem Allgeiste lebendiger erkannten, inniger empfanden, die höhere Anforderung des menschlichen Lebens, die tiefere Natur des Sittlichen im Menschen mit einer größeren Kraft und Klarheit erschauten und als Erkenntniß aus sich heraus gebaren? Ist es also, so ist dies die innigere Berührung des Einzelgeistes mit dem Allgeist, das Hineinleuchten der Alles erfüllenden Kraft Ln die einzelnen Geister, io daß sie ihre endliche Schranke durchbrachen, das ist, scheuen wir doch das Wort nicht, Offenbarung, und zwar wie sie im ganzen Volke sich kundgab. Auch die Griechen waren nicht alle Künstler, nicht alle Phidias oder Praxiteles, aber es war das griechische Volk allein befähigt, daß aus

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.