Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 2 (1863)
- Issue
- 3-4 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 183 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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!. 2. Die Religion im Judenthume. 183 zu werden brauchen. Die volle Hingebung, die Innigkeit, mit der der sittliche Mensch der höchsten sittlichen Reinheit, der Heiligkeit Gottes sich anschließt, die Aeußerung einer solchen tiefen Beziehung zu dem höchsten Wesen, ordnet auch das Verhältniß der Menschen untereinander, erzeugt den gegenseitigen Anschluß der Menschen in Liebe: Du sollst lieben Deinen Nächsten wie Dich selbst, ist gleichfalls eine Mahnung, die als eine sich von selbst verstehende gar nicht mit besonderem Nachdrucke betont wird, sie hat den Nachdruck in sich, weil sie durch das ganze Gesetz hindurchgeht, das von Liebe durchdrungen ist in allen seinen Aeußerungen. Es ist eine edle sittliche Blnthe, wie sie in den Gesetzbüchern vielleicht als einzig aufgefunden werden darf: Du sollst den Armen nicht bevorzugen in seinem Streite. Daß der Reiche und Angesehene nicht bevorzugt werde, wird allerdings auch eingeschärst, eine solche Ermahnung erscheint uns natürlich gegenüber der Verlockung, dem Reichen wegen der Vortheile, die seine Gunst bieten kann, zu willfahren, vor dem Angesehenen wegen seiner Macht das Recht zu beugen. Das Judenthum jedoch setzt auch das Mitleid, die Theilnahme am Mißgeschicke als einen so tiefen Grundzug voraus, daß es die Befürchtung hegt, man könne in dem Streite des Armen zu seinen Gunsten das Recht beugen, ihm die Hand reichen, trotz seines Unrechtes, gerade, weil er gedrückt ist. Thue auch dies nicht! Freilich ist Mitleid und Erbarmen ein Gefühl, dem Du folgen sollst, aber auch diese edle Empfindung muß vor der Gerechtigkeit schweigen. In diesem Schriftworte liegt eine Höhe der Auffassung, eine Erhabenheit sittlicher Anschauung, die uns wahrhaft Ehrfurcht einftößt. Diese Religion hat nun auch den innersten Trieb, als Religion der Menschheit Allen ihre Segnungen entgegenzubringen. Das ist ein Jubel, der aus allen Propheten und Sängern hervorbricht in dem Gedanken, daß über alle Welt die Anerkennung Gottes sich ausbreiten wird; nicht die beengte Volksthumlichkeit, die ganze Menschheit soll es sein, weil Gott der einzige Vater aller Menschen ist, weil die Liebe allen Menschen sich zuwendet, und allen ihre Weihe und tiefere Erquickung entgegcnbringen soll: Ja einst wird Gott König sein der ganzen Erde, an jenem Tage ist er nur Einer und sein Name nur einer. Sic werden ihre Schwerter zu Pflugschaaren und ihre Lan-