Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 2 (1863)
- Issue
- 3-4 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 175 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2420973-2420979-2420982--0509-2421587- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
l. 2. Die Religion im Alterthume. 175 Der Schlaf war von ihm gewichen, nicht weil er überhaupt nicht schläft, sondern weil er einem Gedanken nachhing, der ihn in seinem Schlummer störte. Diese Unvollkommenheiten, diese Gottes unwürdigen Begriffe haben jedoch ihre tiefste Wurzel in sittlichen Gebrechen, wie sie den Göttern anhasten, in den Schäden, die mit der nacktesten Naivetät hervortreten. Wir haben bereits gehört, daß die Ate sie verblendet und zur Unrechten That verleitet; aber überhaupt schwelgen sie beim Mahle, geben sich den sinnlichsten Vergnügungen hin, üben Untreue, begehen Buhlerei, hadern und streiten auf die unerträglichste Weise, so daß auch Zeus zur Thetis es aussprechen muß: Heillos, traun! ist solches, daß Zank mit Here und Feindschaft Du mir erregst, wenn jene durch schmähende Worte mich ausreizt. Zanket sie doch schon so im Kreis der unsterblichen Götter Stets mit mir. Sie sind grausam, willkürlich, neidisch gegen das Glück, gegen die Wohlfahrt der Menschen, und wenn sie hie und da das Rechte beschützen, so ist es gleichfalls ein augenblickliches Belieben, das zu einer anderen Zeit durchkreuzt wird von den verschiedenartigsten llrsachen. Sind nun die Götter solche, so ist natürlich das Verhalten der Menschen, die ein solches Göttcridcal aus sich herausgeboren haben und zu ihm emporschaucn, gleichfalls nicht der Art, daß es nach wahrer Vollkommenheit hinstrebt. Der Mensch ist allerdings oft besser als seine Grundsätze und die Griechen mögen auch besser gewesen sein, als ihr Götterglaubc uns lehrt, und dennoch ist der Zusammeuhang zwischen dem göttlichen Ideale über uns und dem sittliehen Ideale in uns zu eng, als daß nicht die Mängel von jenem sich in diesem ausprägen sollten. Betrachten wir dieses, wie cs im Griechenthnm erscheint! Es schärst die Endlichkeit und Beschränktheit des Menschen nachdrücklich ein, Alle müssen sterben und sind vergänzlich, der Mensch hat nicht die Macht, gegen die Götter anzukämpfen, und kämpft er einmal an, so trifft ihn Schuld und grauses Verderben verfolgt ihn. Der Mensch soll daher den Hochmut() ablegen, nicht zu kühn streben, die rechte Grenze einhalteu. Die Maß- Haltung, die Sophrosyne, ist die wahre Tugend, der Sinn für das Schickliche, für das harmonische Gestalten, das Verständuiß abzugrenzen und abzuwägen; die Tugend ist der Mittelweg, vermittelnd zwischen den äußersten Seiten, so daß er nach keiner hin zu weit ansschreitet. Sie ist dem Griechen eben das Nützliche, Wohlthuende;