Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1863-01-01 · 3-4 (1863) · p. Seite 169

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
2 (1863)
Issue
3-4 (1863)
Date
1863-01-01
Page
Seite 169 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2420973-2420979-2420982--0503-2421581
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1. 1. Das Wesen der Religion. 169 dern mit einer gewissen Nothwendigkeit folgen, bis ich auf außerhalb meiner liegende Ursachen komme. Und dennoch fühlt der Mensch im tiefsten Bewußtsein von sich selbst, daß er frei ist, daß sein Wille die Macht Ln sich trägt, alten Einflüssen entgegenzutreten, sie zu beherrschen. Ihn beschleicht Reue, wenn er als Unrecht erkennt, was er gethan; aber nur im Blicke auf Vorgänge, die aus ihm selbst hervorgegangen sind, kann er sich Vorwürfe machen, nicht wenn er mit zwingender Macht getragen worden ist. Also frei, und dennoch wiederum gebunden! Und so erkennt er auch hier wieder seine Grenze, fühlt er, daß er nicht zu jenem Grade der Vollkommenheit gelangt ist, nach dem er sich sehnt, den er ahnt. Es ist eine Doppelnatur in ihm, das Bewußtsein seiner Größe und Erhabenheit und wieder das demüthigende Gefühl seiner Unselbständigkeit, das Streben, sich zu jenem Quelle zu erheben, aus dem auch seine geistige Kraft, die keine selbstschöpferische, weil sie bedingt ist, hervorgeht, und dennoch auf der andern Seite das Unvermögen, vollkommen die hohe Stufe einzunehmen. Ist nun das nicht wahrhaft Religion? Das Bewußtsein von der Höhe und Niedrigkeit der Menschen, dieses Streben nach Vervollkommnung mit dem Bewußtsein, daß man zur höchsten Stufe sich nicht emporringen könne, dieses Ahnen des Höchsten, das als freiwaltendcr Wille vorhanden sein muß, dieser Weisheit, aus der auch unser Stücklein Weisheit hervorgeht, einer unendlich waltenden Freiheit, aus der auch unsere bedingte Freiheit erzeugt ist, dieses sich Emporsehnen, sich Erheben mit aller Kraft der Seele, ist dies nicht recht das Wesen der Religion? / Religion ist nicht ein System von Wahrheiten, sie ist der Jubel der Seele, die ihrer Höhe bewußt ist, und zugleich wieder das demüthige Bekenntniß der Endlichkeit und Begrenztheit, Religion ist der Schwung des Geistes nach dem Idealen hin, das Emporstreben nach den höchsten Gedanken, das Verlangen, im geistigen Leben zu reifen und immer mehr darin sich zu vertiefen, das Körperliche und Irdische zu bewältigen, und auf der andern Seite das Gefühl, die nicht zu beseitigende Empfindung, daß man dennoch gebunden ist an das Endliche und Begrenzte, Religion ist der Schwung nach dem Höchsten hin, den man als die einzige, volle Wahrheit begreift, der Aufschwung nach der Alles umfassenden Einheit, welche einmal der Mensch als ein Ganzes nach der ganzen Natur seines Geistes in sich ahnt, als die Grundlage alles Seins und Werdens, als die Quelle alles irdischen und geistigen Lebens, die er, wenn er sie auch nicht vollkommen erkennt,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.