Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 2 (1863)
- Issue
- 3-4 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 167 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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167 l. 1. Das Wesen der Religion. Vergangenheit sich vorführen, die Zukunft ahnen, er hat eine Vorstettnng von dem, was die Gegenwart überragt. Das kann nicht am Körper hasten. Der Körper ist räumlich, zeitlich, es kann aus ihm nichts hervorgehen, was Raum und Zeit überwindet. Der Mensch hat Erinnerung, er tragt in sich, was geschehen ist, er dermag es sich zurückzurufen, aus seinem Gedächtniß die verschieden-- artigsten Dinge hervorzuholen. Die Erkenntniß ist sein Eigenthum geworden, er schreitet von der einen, die in sicherem Gewahrsam bei ihn! ruht, zur andern fort. Aber wo, an welchem Theile seines Wesens haftet sie? Sprechen wir das Wort ans, das überhaupt nicht vorhanden wäre, wenn nicht das Ding vorhanden wäre: Geist. Der Mensch hat einen Geist, eine Fähigkeit in sich, die mit dem Körper wohl insofern zusammenhängt, als sie ihn bewegt, beseelt, die aber doch noch weit mehr ist, indem sie ihn zur vernünftigen Betrachtung hinführt, ihm einen Blick öffnet in Dinge, welche sein sinnlicher Blick nicht aufznfassen, nicht heranzubringen vermag. Es ist ein großes Wort eines Denkers, der die Gedank'enreihe der neueren Zeit eröffnete: Ich denke, darum bin ich. Das Bewußtsein davon, daß ich denke, giebt mir die Bürgschaft dafür, daß ich überhaupt bin; ich könnte an Allem, was mich umgiebt, an mir selbst irre werden, meine sinnliche Wahrnehmung läßt sich sehr bezweifeln, sie bekommt erst Sicherheit durch mein Bewußtsein. Schaut ja der Mensch in der That alle Dinge, die ihm von der Außenwelt zugetragcn werden, verkehrt, wie sie sich nämlich in seiner Netzhaut abspiegcln, und wenn er die Dinge dennoch zu sehen glaubt, wie sie wirklich sind, so ist das ein Ergebnis׳ des Denkens in. uns, das mit nnmerklicher Raschheit diese Umgestaltung vermittelt. Der Mensch sieht eigentlich keine Entfernung, der Eindruck, den ein Gegenstand macht, vermittelt durch die Strahlen, prägt sich innerhalb seines Gesichtssinnes ab. Eines ist ihm so nahe, wie das Andere, gleichviel ob das Eine ihm ferner, das Andere ihm näher gerückt ist. Der Erblindcte, der das Gesicht wieder erlangt, sieht deshalb auch Anfangs nichts als fern von sich,.Alles dringt auf ihn, als wäre es in seiner unmittelbaren Nähe. Das Denken, die Gewohnheit lehrt erst den Menschen die Gegenstände abmessen, die doch in der Mitte liegen, und er schließt daraus, daß mancher Gegenstand nicht so nahe ist, wie er sich ihm in seinem Gesichtssinne abspiegelt, daß sie in verschiedenen Entfernungen sich bcsinden. Die Schälle dringen einer nach dem andern heran, die Verbindung wird uns nicht gegeben,