Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 2 (1863)
- Issue
- 3-4 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 165 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2420973-2420979-2420982--0499-2421577- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1. 1. Das Wesen der Religion. 160 haben muß, ahnend durchblicken. Diesem Drange kann der Mensch, seiner eigenen Vernunft sich bewußt, nimmer widerstehen." Die Natur zeigt sich uns in großer Mannigfaltigkeit von Wesen nach Ordnnilgen lind Gattungen; sie sind von einander verschieden, greisen wohl in einander ein, gehen aber nicht in einander über. Die neuere Naturforschnng hat kühne Schritte gethan, zu ergründen, wie ans niederen Gattungen die höheren entstehen konnten, wie ans den unvollkommensten Organismen die höheren allmälig sich gestalten. Ob es ihr gelingen wird, in dieses Geheimniß gleichfalls cinzlidringen, ob eine solche Erzeugung des Einen auS dem Andern als eine Wahrheit sich bekunden wird, — es ist das Amt der Naturkundigen, darüber jetzt oder in der Zukunft zu entscheiden, Allein so viel sehen wir, die Gattungen sind vorhanden, gehen nicht in einander über, sie sind gesondert und bleiben gesondert. Dieselbe Kraft, die Anfangs sie geschaffen angeblich Eines aus dem Andern, sie müßte nothwendig denselben Proceß weiter verfolgen, müßte auch heute noch aus der Pflanze ein Thier erzeugen und immer weiter zu dem höheren Organismus vervollkommnen. Eine solche Erscheinung bietet uns die gegenwärtige Welt nicht dar, es bleibt vielmehr ein Jedes innerhalb seiner bestimmten Grenzen, es bringt Ln seiner Art immer neue Einzelwesen hervor, aber in das andere geht keines über. Das ist demnach nicht eine nothwendig forttreibende, das ist eine ordnende Kraft, die ein jedes nach seiner Eigentümlichkeit hinstellt und bewahrt, die nicht blind immer vorwärts stürmt, sondern welche die Natur, als ein auö verschiedenartigen Theilen zusammengesetztes Ganzes erhalt, so daß sie eben so wie als Ganzes, so auch in ihrer Verschiedenartigkeit unwandelbar ist. Sie ist eben nach einem bcstimmten Willen, nach einer frei waltenden Vernunft geordnet uild in dieser Ordnung erhalten, das ganze Universum ein Gefüge, in seiner großen Mannigfaltigkeit dennoch vereinigt, verschiedenartige Thcile und dennoch ein harmonisches Ganzes bildend. Das ist Weisheit, zweck- und planmäßige Anordnung, so daß selbst zerstörende Kräfte als ncubildende auftreten, um neue, edlere Schöpfungen entstehen zll lassen. Das ist ein Wirken der bewußten Vernunft, nimmcrn!ehr ein ohne Ziel hinaustreibendcs. Es ist ein kühnes Wort, das einst ein großer Sternkundiger aussprach, als er sein Werk über den Himmel dem damals Höchststehenden überreichte. Auf des Letzteren Befremden nämlich darüber, daß nirgends die Rede von Gott sei, sprach der Mann: Ich bedarf dieser Hypothese nicht.