Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 2 (1863)
- Issue
- 3-4 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2420973-2420979-2420982--0498-2421576- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
164 1. 1. Das Wesen der Religion. hat für die Gegenwart, für die, die auf der Höhe der Zeit stehen, seine Bedeutung eingebüßt. Das sind mächtige und gewichtige Bedenken, die sich uns entgegenstellen. Treten wir näher an sie heran. Es soll der Denkende ohne Scheu deu Zweifeln in das Auge blicken, sich nicht zaghaft vor ihnen verschließen, aber auch wenn die Zweifel entschieden als Behanp.tttngen sich hinstellen, darf er nicht alsbald verzweifeln und sich ihnen gefangen geben. Wir sind die Wissenden. Das mag in gewissem Sinne als berechtigt gelten, es mag unsere Zeit in stolzem Bewußtsein dies gegenüberstellen dein Aussprüche eines Weisen, von dem freilich gerühmt wird, daß er die Weisheit vom Himmel zur Erde gebracht habe, wenn er sprach, die höchste Stufe des Wisseus sei zu wissen, daß man nicht wisse. Wir sind allerdings in den zwei Jahrtausenden, seitdem dieser Spruch in die Welt gedrungen, mächtig vorgeschritten, und Erkenntnisse, die damals nicht geahnt wurden, sind gegenwärtig ein Gut, das bald Allen angehört, bald jedenfalls denjenigen, die ernster der Forschung sich hingcben. Die Naturforschung hat Riesenschritte gemacht. Sie weiß nunmehr, was ehedem als unlösbare Stoffe betrachtet wurde, zu zersetzen, sie versteht es, den Kräften nachzngehen, die da binden und lösen, sie weiß zu den flüchtigsten Bestandtheilen vorzudringen, die Gesetze immer weiter zu verfolgen und ans höhere Gesetze zurück'zuleiten. Wie weit sic noch konunen!nag, wer kann cs ahnen? Wie tief sie eindringen wird, wer will es ermessen? Sie hat die Geheimnisse belauscht, nach denen der Proceß des Werdens und Vergehens vor sich geht, und hat sie nach Regeln und Gesetzen wohl geordnet. Und dennoch, wenn sie auch immer weiter vordringt, wie wir ihr durchaus Grenzen nicht setzen können, wird sie nicht an Einzelnheiten gelangen, die sich nicht mehr auflösen lassen? wird sie nicht endlich bei einem Urstoffe anlangen, der immer Urstoff bleiben wird? zu einer Urkraft, die immer eine unfaßbare und unerklärliche bleibt? wird sic nicht immerdar Gesetze annehmen müssen, Anordnungen, die als bestehend vorausgesetzt werden müssen, ohne daß sie dieselben weiter zu begründen vermöchte? Ein Gesetz aber wird gesetzt, eine Ordnung wird angeordnet. Der menschliche Geist wird nicht bei der blinden Kraft sich beruhigen, nicht sich damit befriedigen, daß er endlich, zu irgend einem Punkte gelangend, stille steht; er wird immer den ordnenden Geist, der es in solcher Weise hingestellt