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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1863-01-01 · 2 (1863) · p. Seite 130

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
2 (1863)
Issue
2 (1863)
Date
1863-01-01
Page
Seite 130 (sequence 50)
Language
German
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130 1v. Gabriel Rieffer. heben und sie von allem Gerolle zu reinigen, bedarf des frohen Selbst- Vertrauens, des sichern Selbstbewußtseins. Gerade dieses aber wurde den Juden damals sehr getrübt. Mit der Zeit, als der Friede die ruhige Beschäftigung mit der allseitigen langsamen und gründlichen Umgestaltung gestattete, trat im Allgemeinen ein Umschlag der Gesinnungen ein, der der Entwickelung ungünstig war. Den Juden gegenüber wollte man das erweiterte Bette wieder einengen. Man wollte nicht zugeben, daß sie äußerlich in ihren Rechten, innerlich in ihrer geistigen Entwickelung voll in die Zeit eingingen. Alle Vorurtheile des Mittelalters wollten sich wieder gegen sie geltend machen; man zerrte und mäkelte an ihnen von allen Seiten herum. In ihrer bürgerlichen Stellung drängte man sie mannigfach zurück, hier aus nacktem Vorurtheile, dort in angeblich erziehender Absicht. An ihrem sittlichen und religiösen Leben, an ihrer ganzen geistigen Richtung hatte man überall die verschiedenartigsten Ausstellungen zu machen. Auch hier wollten die Einen sie erziehen, ihnen bestimmte Entwickelungsgänge octroyiren, ihnen mitleidig gewisse Bildungsessenzen einträufeln, kurz sie zurichten. Die Andern wollten sie belassen, wie sie sind, leugneten ganz und gar ihre Bildnngssähigkeil, verabscheuten und verhinderten eine jede Umgestaltung als eine unstatthafte Ver- Mischung ihres Wesens mit widersprechenden ftemdartigen Elementen; ihr Wahlspruch war: 8int ut sunt, aut non sint, sie mögen bleiben wie sie sind, oder sie seien gar nicht. Beiden Auffassungen lag dieselbe Anschauung zu Grunde: das Judenthum ist überlebt, die Inden sind in Fäulniß übergegangen, nur daß die Einen den Zersetzungsprozeß befördern, die Andern ihn sich selbst überlassen wollten. Wenn eine machtlose Minorität mit solch souveräner Vornehmheit betrachtet und behandelt wird, wenn deren Inferiorität so als unzweifelhafte Thalsache hingestellt und demgemäß an ihr herumexperimentirt wird; wenn ununterbrochen Vorwürfe und Schmähungen wiederholt werden, ihre Eigenthümlichkeit als der ganzen Zeitbildung widerstrebend vorausgesetzt und nachgewiesen, und deren volle Abstreifung von den Einen als unabweisbare Vorbedingung verlangt, von den Andern als unmöglich behauptet wird: so muß sich dieser bürgerlich wie geistig Gehetzten eine große Unsicherheit bemächtigen. Die immer sich wiederholenden Vorwürfe der verschiedensten Art von Seiten der Machthaber wie der öffentlichen Meinung machten scheu und ängstlich, und selbst die Vertheidigung trug diesen Charakter, sie war mehr eine Entschuldigung, ein Bitten um Nachsicht als eine

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