Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 1 (1862)
- Issue
- 4 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 260 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2420973-2420974-2420978--0268-2421429- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
260 11. Die Levirats-Ehe. nicht in Gebrauch gewesen, später aber, nach dem Abschlüsse der Bibel, habe man sich doch wieder an das Gesetz gebunden erachtet und ein Abfinden mit ihm gesucht, so stellen sich uns diesem Gange ganz erhebliche Zweifel entgegen. Keine Weisheit, keine Spitzfindigkeit der Schule vermag eine in das Familienleben so tief eingreifende, gänzlich erstorbene Sitte wieder zu erwecken, so lange ein Volk nicht selbst erstorben ist, so lange es Trieb und Schöpfungs- und Erhaltungskraft hat. Wäre die Levirats-Ehe einmal, in welcher Zeit immer, ganz außer Gebrauch gewesen, so wäre fle nicht wieder, wenn auch nur theilweise und spärlich in Gebrauch gekommen. Und daß sie während des zweiten Tempels mehr oder weniger in Gebrauch gewesen, davon geben die von Geiger angeführten Stellen in den Evangelisten (Matth. 22, 23 ff. Marc. 12, 18 ff. Luc. 20, 27 ff.) das beste Zeugniß; die Sadducäer würden das Beispiel nicht angeführt haben, wenn es rein aus der Luft gegriffen wäre. Auch die letzte Mischna in Bechoroth 1, welche in der Baraitha und in der Gemara Babli Jebamoth 39b weiter ausgeführt ist, bestätigt dieses. Sieht man sich die Mischna genau an, so enthält sie zweierlei: erstens den Bericht der nackten Thatsache, daß יבום früher (בראשונה) in usu war, jetzt aber der Chaliza den Platz eingeräumt habe, und zweitens, wie die rabbinische Schule sich erklärend und beschönigend zu dieser Thatsache gestellt habe — sie habe die Veränderung gut geheißen, weil das יבום doch nicht mehr als religiöse Pfiicht geschehe. Da hätten wir also die frühere Halacha, einen Bericht über den ganzen Prozeß, denn das: man thue es nicht mehr als religiöse Pfiicht, kann doch nur heißen, man sei sich der eigentlichen früheren Bedeutung des Instituts nicht mehr bewußt; da hätten wir zugleich die Angabe, wie die Schule, dem Leben nachgebend und seinen Impulsen gehorchend, doch den Schein der Gesetzlichkeit zu retten bestrebt war. Einen Grund zum Zweifel an der Glaubwürdigkeit dieses Berichtes der Mischna haben wir nicht. Sic stimmt vielmehr so sehr überein mit dem Gange, den die Entwicklung nehmen mußte, daß sie schon darum allen Glauben. verdient. Dahingegen mag Geiger ganz richtig vcrmuthen, daß in Betreff der Erbfolge bei der L.-E. zur Zeit des zweiten Tempels, besonders wenn der Vater des Verstorbcnen da war, die Ansicht der Schule schwankend wurde, und daß in der Behauptung des Nabbi Jehuda — Jebamoth 4, 7 — eine frühere Tradition, die eigentlich älteste, sich abspiegle, nach welcher