Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 1 (1862)
- Issue
- 4 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 259 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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11. Die Levirats-Ehe. 259 n. Ich komme zur zweiten großen Geschichts- und Entwickelungs- Periode des israelitischen Volkes, welche mit der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft, richtiger mit Esra und Nehemia beginnt. Die feststehende, von allen Seiten zugestandene Thatsache dieser Periode ist die fast völlige Verdrängung der Levirats-Ehe, mit oder ohne Beibehaltung der Chaliza. Zwei Fragen kommen da in Betracht, nach der Ursache, nach der Zeit der Verdrängung, und daran reiht sich dann von selbst die dritte, nach dem Gange und geschichtlichen Prozesse. Als Ursache kann man sich entweder die mächtige Lebenssitte, welche sich der Levirats-Ehe mehr und mehr abkehrte und sie nicht mehr duldete, oder aber den Zwiespalt des Gesetzes, den wenigstens scheinbaren Widerspruch zwischen Lev. und Deut, denken. Der letzte wird indessen schwerlich die wahre Ursache gewesen sein. Hätte man geglaubt, daß beide Bücher in so grellem Widerspruch stehen, so hätte man den Widerspruch getilgt, man hätte ihn nicht stehen lassen. Man muß nur bedenken, daß die erste Zeit des zweiten Tempels in vielem Sinne die eigentliche Geburtszeit des Gesetzes ist. Ein todtgcbornes, vom Gesetze selbst zu Tode gebrachtes Kind hätte man nicht in die Gesetzessammlung gebracht, so viele Freiheit nahmen sich jedenfalls die Sammler und Ordner, wenn nicht noch viel größere. Die Scrupel des Gesetzes wären daher nicht im Stande gewesen, die Levirats-Ehe zu beseitigen, wenn nicht das Leben und sein viel mächtigerer Einfluß es gethan hätte, und zwar auf eine Weise, die wenigstens äußerlich, in jener Zeit der Aengstlichkeit, dem Gesetze treu zu bleiben, den Vorwurf, das Gesetz׳ unerfüllt zu lassen, nicht aufkommen ließ. Diese Weise war nun durch die Haltung des Gesetzes im Deut, schon angebahnt. War die Unterlassung der Levirats- Ehe schon nach diesem Gesetze zulässig, erlaubt, so machte man nach und nach immer mehr von dieser Befugniß Gebrauch, man machte endlich das Jibbum zur Ausnahme und die Ausnahme, Chaliza, zur Regel, und so kam es im Leben dahin, daß חליצה ק1דמת ליבום war und die Schule hinkte nach, sanktionirte den Satz und grübelte darüber nach. Damit habe ich auch schon die zweite und zum Theil die dritte Frage berührt und in der Hauptsache erledigt. Wenn Geiger meint, in der ersten Zeit des zweiten Tempels sei die Levirats-Ehe gar