Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 1 (1862)
- Issue
- 4 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 250 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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250 I. Alte Romantik, neue Reaktion. Aber ihr Streben ist so ernst, ihre Aufgabe so ausgedehnt, ihre Arbeit bedarf so sehr des tiefen Eingehens, daß ihre letzten Grunde niemals über den Kreis von Geweihten hinausgehen können, daß strebsame Geister und tiefe Gemüther an ihr immer erstarken, an ihr immer sich laben können und müssen. Und dennoch ist wiederum seit einem Jahrzehent eine Reaktion eingetrcten. Ist diese etwa doch ein Protest, ein Antrieb zur Vertiefung? Fassen wir diese Reaktion näher in's Auge, so sehen wir bald, daß sie durchaus nicht auf neue Gedanken dringt, sie will bloße Rückkehr zum Alten, sie kennt nicht die Sehnsucht nach Ideen, sie verlangt blos nach bestehenden Ordnungen, sie ist kein Aufschwung in allen Gebieten des Geistes und des Herzens, sie weiß Nichts von Verjüngung der Poesie und Philosophie, Nichts von Erfrischung der Moral, sie kennt blos Politik und Religion, Staat und Kirche mit ihren versteinerten Institutionen, sie ist nicht jugendlich keck, sie ist grämlich wie das Alter, kurz, sie ist nicht die Geburtsstätte einer neuen Zeit, sic ist das geöffnete Grab einer vergangenen. Der trockenste Dogmatismus, die brutale Gewalt der Thatsachen sind ihre einzigen Waffen; Geist und Gcmüth sind keine Potenzen, auf die sie sich stützt. Und woher kommt sie denn doch, diese Reaktion? Nun, sie ist kein Protest gegen die Zeit, sic ist eine Frucht der erschlafften Zeit, sie ist kein Kampf gegen das Kind der Gcisteslähmung, den Materialismus, sie ist vielmebr dessen Zwillingsschwester. Denn allerdings hat sich der durch zu große Erregtheit ermattete Geist in den Materialismus zum Ausruhcn geflüchtet. Thatsachen der Natur, Thatsachen der Geschichte wendet sich das Interesse zu; Thatsachen des Geistes werden zur Seite liegen gelassen. Die Schöpfungen, wie sie vollendet vorlicgen, untersucht man, selbst zu schaffen fühlt man sich zu matt. So will auch die Reaktion nur Thatsachen, nur vollendete, abgeschlossene Schöpfungen auf dem Gebiete des religiösen Lebens anerkennen, festhalten; sie scheut sich in ihrer Ohnmacht, selbst schöpferisch thätig zu sein. Impotenz, die sterilste Unfruchtbarkeit, also ist der Stempel dieser neuen Reaktion. Sie wird so lange eine gewisse thatsächliche Bedeutung haben, als die Zeit überhaupt geistig matt daniedcrliegt. Sobald wieder neue geistige Anregungen mächtig werden, sinkt sie säst- und kraftlos danieder, und keine Spur wird von ihr Zeugniß ablegen, kein Werk für ihre Berechtigung sprechen. Was die Schle-