Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 1 (1862)
- Issue
- 4 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 249 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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i. Alte Romantik, neue Reaktion. 249 woran sie untergegangen, aber es ist die Schuld der Verkehrtheit, nicht der Geistes- und Gemüthsleere. So begreifen wir die Romantik, erkennen wir ihre theilweise Berechtigung an, bestatten wir sie ehrenvoll. Wir wissen auch, wie sie bedeutsam auf die gegnerische Richtung gewirkt. Der flache Rationalismus ist gleichfalls längst geschwunden, und er hat sich zur Kritik vertieft, die in alle Zeiten eindringt, jede aus ihrem Standpunkte zum Verständnisse bringt, die geschichtliche Entwickelung aus den Anfängen, aus der dunkeln Ahnung, zu vollendeteren Erkenntnissen, zu höheren Zielen nachweist, den wirkenden gotterfullten Menschcngeist in bewußter und unbewußter Thätigkeit allezeit anerkennt, aber auch wach ruft zu ununterbrochener Befruchtung. Die Kritik ist die zum Bewußtsein gekommene Romantik. Sie späht auch in alle Winkel des Geistes, der Geschichte, aber sie sucht auch dort überall Gesetz und Regel zu erkennen. Auch sie kennt und anerkennt den unbewußt wirkenden Urtrieb des Geistes, aber sie erkennt ihn nur an, weil er die zum Bewußtsein treibende Kraft des Geistes, nicht weil er noch unbewußt ist, sie ehrt ihn, indem sie sich ihn zum bewußten Eigenthum umschaffen will, nicht indem sie gedankenlos sich vor ihm beugt. Sie würdigt den Werth der göttlichen Offenbarungen an den Menschengcist, indem sie sie als kostbare ihr mitgegebene Schätze erkennen und verwerthen will; sie giebt zu, daß diese Offenbarungen nicht aus dem Menschen geboren, sondern ihm verliehen sind, aber sie verlangt, daß sie mit seinen Gedanken sich auf's Innigste vermählen. Sie ehrt in der Geschichte das Erzeugniß des Menschengeistes, aber sie bringt es in Zusammenhang mit der ganzen Zeit, setzt es nicht außer dem Bereiche der Entwickelung. Sie sieht auch in den Anfängen aller geistigen Menschenarbeit schon die Versuche eines Meisters, das gewaltige Ringen einer hohen Kraft, aber die ersten Versuche sind ihr nicht die vollendetsten, die ungeübte Kraft nicht die allein zeugungsfähige. So schreitet sie mit hoher Achtung für die Vergangenheit, mit eifrigem Streben, sie zu begreifen, besonnen in die Zukunft hinein, um alle vorhandenen Schätze ihr in gereinigter Gestalt zu übergeben, aber auch mit der ernsten Forschung in den eigenen, noch unerkannten Tiefen, um neue Schätze zu graben. Diese Richtung hat sich nicht verflacht. Sie hat Manches negirt, und die Negation ist in weitere Kreise gedrungen, die Resultate ihrer Forschung sind theilweise bereits zum Gemeingute geworden.