Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1862-01-01 · 3 (1862) · p. Seite 228

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
1 (1862)
Issue
3 (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 228 (sequence 64)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2420973-2420974-2420977--0235-2421395
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

228 Journal-Nevue. philosophisch wußten sie sich nicht einmal mehr an die großen geistesstarken früheren Ahnen zu halten, sondern bewegten sie sich in der später aufgekommencn, dem Katholicismus mehr verwandten Kabbalah, die sic in ihrer ausschweifendsten Entartung hegten. Als Sabbathai Zebi im Oriente auftrat, scheute sich selbst der gelehrte Benjamin Musafia nicht, in den Reihen der ihm als König Messias Huldigenden schriftlich zu nahen, und seine verirrten Apostel und Nachtreter fanden in den,,Scpharadim" die eifrigsten Gönner. Auch nüchterne Arbeiten sind voll von solchen abergläubischen und veralteten Ansichten ohne alle Kritik; selbst der vielgepriesene Manasse ben Israel, der durch seine rastlose Thätigkeit sich vielfache Verdienste erwarb, ist dennoch Nichts als ein seichter Schwätzer, der in selbstgefälliger Weitschweifigkeit unklar aus allen Orten das Widersprechendste zusammeuträgt und leichtgläubig für Alles Belege auszufiuden glaubt. Er ist der ächte Typus eines Scpharadeu; die Abstammung seines Weibes und daher auch seiner Kinder aus dem Hause Abarbancl, daher auch, wie er meint, aus dem davidischeu, dem königlich judäischeu Stamme, das ist der Glorienschein, in dem er sich sonnt, sie giebt ihm ein muthiges Selbstvertrauen, ohne ihm die Kraft zu vcrleihen, daß er nach einem geistigen Verdienste ringe, das erst erworben werden muß. Keine Förderung irgend eines jüdischen Literaturzwcigcs verdanken wir dieser Schule; sie wiederholen unermüdlich das, was sie längst haben, popularisiren es durch Ucbertraguugen in's Spanische, ohne irgendwie schaffend cinzugehen. Ihre Dichtungen sind spanisch auf niederländischem Boden, daher natürlich uule- Lendig, seicht und hohl pathetisch, und cs ist in dieser Beziehung nicht die Schuld des Hrn. Kayserliug, wenn er diese sepharadischen Dichterlinge nicht anziehend schildern konnte. Auch das letzte Jahrhundert, das so mächtig auf die Juden aller Länder gewirkt, einen so bedeutsamen Aufschwung in ihrer Literatur hcrvorgcrufen, konnte die Scpharadim nicht aufrüttcln. Hatten sic ja eine anständige Haltung beim Gottesdienste, hatten sie ja bessere Piutim als die kalirischeu — wenn auch ihr Rituale nicht frei ist von seltsamen Absonderlichkeiten —, sprachen ja ihre Rabbinen keinen Jargon der Landessprache, sondern — spanisch, hatten sie ja ein mehr geordnetes Schulwesen, und so blieben sie stolz abgeschlossen, in ihrer Erstarrung gar nicht die tiefere Bewegung der Geister ahnend. Sic blieben steif in ihrer ererbten Orthodoxie und haben diese auch mit nach England und Nord-Amerika geführt,- tragen ihre

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.