Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 1 (1862)
- Issue
- 3 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 226 (sequence 62)
- Language
- German
- Belongs to
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226 Journal-Revue. Die Neu-Christcn mußten mit der größten Sorgsamkeit über sich wachen, daß nicht eine Spur des Judenthums an ihnen entdeckt werde, ja daß das christliche Gepräge recht scharf an ihnen hervortrete, sie mußten in die innigste Beziehung zur Kirche treten, ihr äußeres Leben nicht nur, sondern auch ihr ganzes Denken und Fühlen mußte allmälig von den aufcrzwungenen Anschauungen inficirt werden. Während dieser Druck bei vielen Familien im Laufe einiger Generationen die jüdischen Erinnerungen und Sympathieen erbleichen und sie in der Masse aufgehen ließ, schärfte er in anderen den Widerwillen gegen das Christenthum, nährte die Begeisterung für den ihnen gewaltsam entrissenen Glauben. Viele wußten diese ihre innersten Empfindungen dem Spa'heraugc nicht genügend zu verbergen und verfielen dem Feucrtode; doch Andere wußten sich besser zu bemeistern und nährten im Stillen die Hoffnung wie die Sehnsucht nach besseren Zeiten. Da rissen sich die spanischen Niederlande von dem Mutterlande los, und in dem neuen Staate ward eine religiöse Freiheit verkündet und gchandhabt, wie sie damals und noch lange nachher in anderen Ländern unerhört war. Dieses Ercigniß mußte sie wie der Posaunenschall der Erlösung durchbcben. Dorthin war nun ihre Sehnsucht gerichtet, und die List, welche im Verdecken ihrer liebsten Wünsche bisher schon geübt war, richtete sich nun ganz dahin, die Auswanderung nach diesem freien Spanien zu bewirken. In den Niederlanden glaubten sie das Vaterland nicht zu verlieren, aber die alte Religion wieder zu gewinnen. Zahlreiche gebildete und wohlhabende Familien bewirkten mit dem Anfänge des 17. Jahrhunderts unter großen Gefahren und schweren Opfern ihre Uebersiedelung. Sie kamen als Spanier, mit der dortigen katholischen Bildung, mit dem Judenthume, wie cs am Ende des 15. Jahrh. in Spanien abgeschlossen hatte, anknüpfend an ihre Brüder, die schon länger in Afrika und im Oriente weilten, von dort auch zum großen Theile ihre Nabbrnen berufend. Allein die befreiten Niederlande waren nicht blos politische Feinde Spaniens, sie waren auch in ihrem geistigen Leben, in Sprache und Literatur durchaus nicht spanisch geworden, ihre Bildüng und religiöse Anschauung war nicht katholisch schwärmerisch, war vielmehr protestantisch nüchtern. Die ״Sepharadim" wurden im freien Staate gastlich ausgenommen, waren als gebildete Männer geachtet, ihre weiten Verbindungen und ehrenhaften Unternehmungen verschafften ihnen Anerkennung und Ansehen; aber sie blieben Fremde,