Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 1 (1862)
- Issue
- 3 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 213 (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Hai Gaon und die Philosophie. 213 ein Beispiel von Pseudo-Kritik, aber nicht einen Beitrag zur Würdigung der Pseudo-Literatur geliefert. Der Kampf über Maimonides' Schriften kurz nach dessen Tode, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, soll also ״ein eigenes Schriftthum erzeugt haben", und zwar ״Tendenz-Schriften, die von beiden Seiten fabricirt und gefeierten Namen aus der jüd. Bergangenhcit untergeschoben wurden, eine Pseudoliteratur, die ein kritischgeübtes Auge auf den ersten Blick erkennt". Aber wenn uns der glückliche Besitzer dieses kritisch-geübten Auges auch nur eine einzige derartige untergeschobene Schrift angegeben hätte! Die spätere Kabbalistenzunft hat freilich in ihrer trüben Phantasterei, halb schwärmerisch, halb trügerisch, aber unberührt von jenem Kampfe, zu ihren eigenen Zwecken solche Erdichtungen nicht gescheut, und die Kritik hat die stcherstcn Kriterien dafür angegeben; aber jene Männer, die in den Kampf für und wider Maim. eintraten, die mit nüchternem Blicke und redlichem Verstände, fern von aller Schwärmerei sich ihrer Ueberzeugttugcn sehr klar bewußt waren und ihre volle Begründung in ihrem Systeme nachzuweisen wußten, sie hätten zu solch traurigem Nothbehclf ihre Zuflucht genommen, sie hätten ״Tendenzschriften fabricirt und untergeschoben" mit vollem Bewußtsein ihres Betruges? Wahrlich, eine solche Beschimpfung verdienen diese Ehrenmänner nicht; wir mögen ihre sonstigen Uebcrzeugungen theilen oder nicht, Betrüger waren sie wahrlich nicht. Nicht eine einzige Schrift ist nachweisbar, die von der philosophischen oder der schlicht orthodoxen — wohlverstanden, nicht etwa kabbalistischen — Richtung erdichtet, untergcschobcn, zu Parteizwecken fabricirt worden wäre! Wenn nun kein ״pseudepigraphischer Litcraturkreis jener Zeit" vorhanden ist, ja nicht einmal ein pseudcpigraphischcr Literaturpunkt, so kann natürlich das Sendschreiben Hai's an Samuel auch kein Licht auf denselben werfen. Wie steht es nun aber mit diesem Sendschreiben selbst? Hören wir Hrn. Gr.'s Schlußbemerkungen: ,,Die Unächtheit dieses Sendschreibens springt in die Augen. Der Styl ist der allererbärmlichste, wie ihn Hai Gaon gewiß nicht gebraucht hat, und es scheint durchaus hcbr. Original zu sein und nicht eine Ucbcrsetzung aus dem Arabischen. Das Sendschreiben kennt nicht einmal die bedeutende thalmud. Gelehrsamkeit des Samuel Nagid, daß er einem Lehrhause vorgestanden und eine Einleitung in den Thalmud, sowie ein halachisches Werk verfaßt hat. Es denkt sich ihn Halb und halb Viertcljahrschrift. I. 3. 15