Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 1 (1862)
- Issue
- 3 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 209 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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Hai Gaon und die Philosophie. 209 Samuel war au sich nichts weniger als ein Fanatiker, und bei der ruhigen edlen Art, in welcher die spanischen Juden allseitig sich der Bildung bemächtigten, war keine Gelegenheit zu irgend einem Einschreiten dagegen gegeben. Anders hatten sich die Verhältnisse zwei Jahrhunderte später gestaltet. Die Conflicte zwischen den Ergebnissen und Zielpunkten der philosophischen Bestrebungen tmd den herkömmlichen Anforderungen des Nabbinismus traten schärfer hervor, und als der mächtige Anklang, den Maimonides' umfassendes Wirken fand, die philosophischen Anschauungen weithin verbreitete und populär machte, sing auch die Gegenpartei an ihre Bedenken zu äußern, und die Unzufriedenheit brach nach Maimonides' Tode um 1232 aus. Während Spanien und die Provence sich deshalb in zwei gegnerische Lager theilten, beide Richtungen in ihnen entschiedene Anhänger fanden, war Nordfrankreich, an das von den Gegnern der Philosophie aus der Provcnce appetlirt wurde, einmüthig in seinem Verwerfungsurtheile. Dort war man von arabischer Bildung ganz unberührt geblieben, nur thalm. Gelehrsamkeit und thalm. Nechtgläubigkeit galt dort; so war es denn ganz natürlich, daß man wie über die Philosophie, so auch über Maimonides' Schriften und den Verfasser selbst mit rücksichtsloser Härte den Stab brach. Die Unbilligkeit und Unklugheit dieses Verfahrens fühlte alsbald Nachmanides und beeilte sich, dessen bedenkliche Folgen abzuwenden. Bei all seiner eigenen Abneigung gegen die Philosophie, bei all seiner Abweichung von den Ansichten des Maim., der er in eigenen Schriften einen entschiedenen, oft bittern Ausdruck zu leihen nicht anstand, war er doch viel zu sehr gebildeter Spanier, um dessen große Verdienste so ganz und gar zu verkennen und wegwerfend zu behandeln, kannte er besonders auch viel zu gut das hohe Ansehen, das Maim. genoß, als daß er nicht hätte besorgen sotten, der Pfeil, der ihn zu treffen bestimmt war, pralle von ihm ab und auf den Schützen zurück, als daß er nicht hätte erwägen muffen, die schnöde Geringschätzung, mit der man Maim. auf jener Seite behandelte, werde in Spanien nur tiefe Entrüstung erregen mib die eifrige Parteinahme für ihn und seine Ansichten nur erhöhen. Er beeilte sich deshalb vermittelnd einzutrcten. Er schrieb an die Nabbinen Nordfrankreichs in ehrerbietigster Unterwürfigkcit, entwarf ihnen aber ein ganz anderes Bild von Maim., suchte seinen von ihnen verdammten Aeußerungen eine unschuldigere Seite abzugewinnen, machte sie besonders aufmerksam, welche nach-